
Die Lost Places in der Sperrzone von Tschernobyl gehören zu den eindringlichsten Zeugnissen des 20. Jahrhunderts. Verlassene Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Freizeitanlagen und militärische Einrichtungen dokumentieren die Folgen der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986.
In diesem Bilderarchiv findest du meine persönlichen Fotodokumentationen aus Pripjat, Tschernobyl und weiteren Orten innerhalb der ukrainischen Sperrzone. Meine Aufnahmen entstanden 2017 und zeigen die Region mehrere Jahre vor dem russischen Angriff auf die Ukraine.
Am 26. April 1986 explodierte während eines Sicherheitstests der Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Durch den zerstörten Reaktor gelangten große Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre und wurden über weite Teile Europas verteilt.
Die nahe gelegene Stadt Pripjat wurde erst am folgenden Tag evakuiert. Den Bewohnern wurde mitgeteilt, dass sie ihre Wohnungen nur vorübergehend verlassen müssten. Die meisten Menschen kehrten jedoch nie zurück.
In den folgenden Tagen und Wochen wurden weitere Ortschaften geräumt. Rund um das Kernkraftwerk entstand eine kontrollierte Sperrzone, die auf ukrainischem Gebiet ungefähr 2.600 Quadratkilometer umfasst.
Quelle: Internationale Atomenergie-Organisation – Fragen zur Katastrophe von Tschernobyl
Pripjat wurde 1970 als Wohnstadt für die Beschäftigten des Kernkraftwerks gegründet. Schulen, Sportanlagen, Geschäfte, Kulturhäuser und ein Vergnügungspark sollten den rund 50.000 Einwohnern ein modernes Leben ermöglichen.
Nach der Evakuierung blieben Wohnungen, persönliche Gegenstände und öffentliche Einrichtungen zurück. Heute gehören das Krankenhaus von Pripjat, die Mittelschule Nr. 3, das Schwimmbad Azure und der Vergnügungspark zu den bekanntesten verlassenen Orten der Stadt.
Die Gebäude sind keine künstlich erschaffene Kulisse. Sie dokumentieren eine reale Stadt, deren Alltag innerhalb weniger Stunden beendet wurde.
Neben den verlassenen Siedlungen befinden sich in der Region auch Überreste sowjetischer Militäranlagen. Das bekannteste Beispiel ist das Duga-Radarsystem.
Die gewaltige Stahlkonstruktion gehörte zu einem sowjetischen Frühwarnsystem, das mögliche Starts ballistischer Raketen erkennen sollte. Wegen ihres charakteristischen Funksignals wurde die Anlage im Westen als „Russischer Specht“ bekannt.
Zum abgeschirmten Militärkomplex gehörten außerdem Kommandozentralen, Kasernen, Schulen und weitere Versorgungseinrichtungen. Viele dieser Gebäude wurden nach dem Ende des Radarbetriebs aufgegeben.
Seit der Evakuierung haben sich Wälder und Pflanzen in zahlreichen Siedlungen ausgebreitet. Bäume wachsen durch Dächer, Wurzeln sprengen Asphaltflächen und ehemalige Straßen verschwinden zunehmend unter der Vegetation.
Die sichtbare Rückkehr der Natur bedeutet jedoch nicht, dass die Folgen der radioaktiven Kontamination verschwunden sind. Die Belastung ist innerhalb der Sperrzone sehr unterschiedlich verteilt. Einige Bereiche weisen deutlich höhere Strahlenwerte auf als andere.
Gleichzeitig bedroht der bauliche Verfall viele Gebäude. Feuchtigkeit, Frost, Waldbrände und fehlende Instandhaltung sorgen dafür, dass immer mehr Dächer und Geschossdecken einstürzen.
Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine konnten Teile der Sperrzone im Rahmen genehmigter und kontrollierter Touren besucht werden. Dadurch entwickelte sich Pripjat zeitweise zu einem international bekannten Ziel für Fotografen und geschichtlich interessierte Reisende.
Die frühere touristische Nutzung entspricht jedoch nicht mehr der heutigen Situation. Seit 2022 ist die Region von den Folgen des Krieges, militärischen Gefahren und zusätzlichen Einschränkungen betroffen. Die Sperrzone darf deshalb nicht als gewöhnliches Reiseziel betrachtet werden.
Zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine wurde das Gebiet um das Kernkraftwerk vorübergehend von russischen Truppen besetzt. Die Besetzung und die Kampfhandlungen beeinträchtigten den sicheren Betrieb und die Überwachung des Standortes.
Am 14. Februar 2025 traf eine Drohne den New Safe Confinement, die große Schutzhülle über dem zerstörten Reaktorblock 4. Dabei entstand ein Brand und die Konstruktion wurde erheblich beschädigt. Nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation kam es zwar zu keiner messbaren Freisetzung radioaktiver Stoffe, wichtige Sicherheitsfunktionen der Schutzhülle wurden jedoch beeinträchtigt.
Damit ist die Sperrzone heute nicht nur ein Erinnerungsort an die Katastrophe von 1986, sondern erneut Teil einer aktuellen europäischen Konflikt- und Sicherheitsgeschichte.
Quellen: IAEA – Auswirkungen des Krieges auf Tschernobyl | IAEA – Schäden am New Safe Confinement
Ich besuchte die Sperrzone von Tschernobyl im Jahr 2017. Dabei fotografierte ich nicht nur bekannte Wahrzeichen wie Pripjat und Duga, sondern auch kleinere Dörfer, Schulen, Feuerwachen, Kulturhäuser und technische Anlagen.
Mein Ziel war es, die unterschiedlichen Seiten der Sperrzone zu dokumentieren. Deshalb zeigen die Fotografien neben spektakulären Bauwerken auch unscheinbare Räume und zurückgelassene Spuren des früheren Alltags.
Durch den Krieg besitzen diese Aufnahmen heute eine zusätzliche historische Bedeutung. Sie zeigen den Zustand der Sperrzone vor der Besetzung von 2022 und vor den späteren Schäden an der Schutzhülle des Reaktors.













