Lost Places Bilderarchiv –  außergewöhnliche und verlassene Orte weltweit

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Duga Radar bei Tschernobyl

Die Duga Radarstation bei Tschernobyl

Mitten in den Wäldern der ukrainischen Sperrzone erhebt sich ein gewaltiges Stahlgerüst. Die Duga Radarstation gehörte zu einem geheimen sowjetischen Frühwarnsystem, das den Start feindlicher Interkontinentalraketen erkennen sollte. Ihre Antennen erreichen eine Höhe von bis zu 150 Metern und erstrecken sich über mehrere Hundert Meter.

Während des Kalten Krieges war die Anlage ein streng abgeschirmtes Militärprojekt. Außerhalb der Sowjetunion wurde Duga vor allem durch ein rätselhaftes Klopfen auf Kurzwellenfrequenzen bekannt. Das Geräusch erinnerte an einen Specht und brachte dem System den Namen „Russian Woodpecker“ ein.

Nach dem Ende des Betriebs blieb die riesige Empfangsanlage nahe Tschernobyl stehen. Heute gehört sie zu den eindrucksvollsten technischen Relikten der Sowjetunion und zu den bekanntesten Lost Places in der Ukraine.

Was war die Duga?

Die Bezeichnung „Duga“ stammt aus dem Russischen und bedeutet „Bogen“. Hinter dem Namen verbarg sich ein sowjetisches Überhorizontradar. Im Englischen wird diese Technik als Over-the-Horizon Radar oder OTH-Radar bezeichnet.

Gewöhnliche Radaranlagen sind durch die Erdkrümmung in ihrer Reichweite begrenzt. Duga verwendete dagegen Kurzwellen, die an Schichten der Ionosphäre reflektiert wurden. Dadurch konnten die Signale Ziele erfassen, die weit hinter dem sichtbaren Horizont lagen.

Das System sollte insbesondere den Start amerikanischer Interkontinentalraketen erkennen. Eine möglichst frühe Warnung war für die Sowjetunion entscheidend, weil im Fall eines nuklearen Angriffs nur wenig Zeit für eine Reaktion geblieben wäre.

Vor den späteren Anlagen entstanden mehrere Versuchssysteme. Ein früher Prototyp in der Nähe von Mykolajiw konnte Raketenstarts vom rund 2.500 Kilometer entfernten Kosmodrom Baikonur erfassen. Nach erfolgreichen Tests begann der Bau leistungsfähigerer Anlagen.

Quellen: Signal Identification Wiki: Duga Radar | Popular Mechanics: The Soviet Duga Radar

Die geheime Militärstadt Tschernobyl-2

Die erhaltene Duga-Anlage befand sich in einer abgeschirmten Militärsiedlung, die als Tschernobyl-2 bezeichnet wurde. Neben der Radartechnik entstanden dort Wohngebäude, Verwaltungsräume, Werkstätten, eine Schule und weitere Einrichtungen für Soldaten, Techniker und ihre Familien.

Der Standort tauchte auf öffentlich zugänglichen sowjetischen Karten nicht als militärische Radaranlage auf. Die Existenz und genaue Aufgabe des Systems sollten geheim bleiben. Die gewaltigen Antennen ließen sich langfristig jedoch kaum verbergen. Westliche Nachrichtendienste und Funkamateure konnten die Herkunft der auffälligen Signale zunehmend eingrenzen.

Die Anlage bei Tschernobyl war dabei nicht das einzige Duga-System. Eine weitere betriebsfähige Station entstand im Osten der Sowjetunion in der Nähe von Komsomolsk am Amur. Gemeinsam sollten die Anlagen große Gebiete überwachen.

Auch die Anlage in der Ukraine bestand nicht aus einer einzigen Antenne. Sender und Empfänger lagen weit voneinander entfernt. Das heute bekannte Stahlgerüst bei Tschernobyl gehörte zum Empfangskomplex. Die räumliche Trennung sollte verhindern, dass die starken Sendesignale den eigenen Empfang störten.

Quellen: Wild East: Duga Radar und Tschernobyl-2 | Signal Identification Wiki: Standorte und Funktion

Wie groß ist die Duga Radarstation?

Die erhaltene Antennenanlage setzt sich aus unterschiedlich großen Bereichen zusammen. Der größere Abschnitt erreicht ungefähr 135 bis 150 Meter Höhe und erstreckt sich über fast 500 Meter. Ein weiterer Bereich ist etwa 100 Meter hoch und rund 250 Meter lang.

Deshalb unterscheiden sich die veröffentlichten Angaben zur Gesamtlänge. Häufig wird die gesamte Antennenstruktur mit ungefähr 700 Metern angegeben. Die Dimensionen lassen sich vom Boden aus nur schwer erfassen. Selbst mehrstöckige Gebäude wirken neben dem Stahlgerüst klein.

Das Gerüst besteht aus senkrechten Stahlträgern, Wartungsebenen, Leitern, Kabeln und zahllosen Antennenelementen. Die eigentliche Empfangstechnik war über die gesamte Konstruktion verteilt. Für Wartungsarbeiten konnten Techniker die verschiedenen Ebenen über schmale Laufstege erreichen.

Die Sendeleistung des Systems wurde auf mehr als zehn Megawatt geschätzt. Duga arbeitete auf wechselnden Frequenzen im Kurzwellenbereich. Die hohe Leistung und die häufigen Frequenzwechsel waren der Grund dafür, dass das Signal weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus empfangen werden konnte.

Quellen: Chernobyl X: Abmessungen der Duga-Antennen | Signal Identification Wiki: Frequenzen und Sendeleistung

Warum hieß Duga „Russian Woodpecker“?

Im Juli 1976 bemerkten Funkamateure und Radiostationen ein starkes, regelmäßig klopfendes Signal. Es erschien ohne Vorwarnung auf unterschiedlichen Kurzwellenfrequenzen und war in zahlreichen Ländern zu hören.

Die Impulse wurden meistens ungefähr zehnmal pro Sekunde ausgestrahlt. Dieses schnelle Klopfen erinnerte an einen Specht. Funkamateure nannten das Signal deshalb „Russian Woodpecker“, also „Russischer Specht“.

Duga störte nicht nur private Funkverbindungen. Das Signal beeinträchtigte zeitweise Rundfunksendungen sowie den kommerziellen, maritimen und teilweise auch den für die Luftfahrt genutzten Funkverkehr. Weltweit gingen zahlreiche Beschwerden über die wiederkehrenden Störungen ein.

Einige Hersteller entwickelten sogar spezielle Filter, sogenannte Woodpecker Blanker. Sie sollten das charakteristische Klopfen aus dem Empfangssignal entfernen oder zumindest abschwächen.

Da die Sowjetunion den Zweck der Anlage nicht öffentlich erklärte, entstanden zahlreiche Spekulationen. Duga wurde unter anderem mit Wettermanipulation und Gedankenkontrolle in Verbindung gebracht. Für diese Behauptungen gibt es keine belastbaren Belege. Das tatsächliche Ziel war die militärische Früherkennung möglicher Raketenstarts.

Quellen: Signal Identification Wiki: Das Woodpecker-Signal | Popular Mechanics: Duga und seine weltweiten Funkstörungen

Das Ende der Duga

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 veränderte auch die Situation der nahe gelegenen Militäranlage. Das Gebiet wurde radioaktiv belastet und die Menschen aus den umliegenden Siedlungen mussten evakuiert werden.

Trotzdem verschwanden die Woodpecker-Signale nicht unmittelbar nach dem Reaktorunfall. Sie wurden in den folgenden Jahren seltener und waren 1989 schließlich nicht mehr zu hören. Duga war damit von Juli 1976 bis Dezember 1989 aktiv.

Für die Abschaltung gab es vermutlich mehrere Gründe. Satellitengestützte Frühwarnsysteme hatten sich weiterentwickelt und konnten Raketenstarts zuverlässiger erkennen. Gleichzeitig näherte sich der Kalte Krieg seinem Ende. Auch der hohe technische und finanzielle Aufwand des Duga-Systems sprach gegen einen weiteren Betrieb.

Während viele technische Einrichtungen verschwanden, blieb das große Antennengerüst bei Tschernobyl erhalten. Ein Abbau wäre aufwendig und teuer gewesen. Durch seine Lage in der Sperrzone wurde die Konstruktion zudem vor einer schnellen Nachnutzung geschützt.

Quellen: Signal Identification Wiki: Betriebszeit der Duga | Wild East: Das Ende der Radarstation

Duga als Lost Place in der Sperrzone

Nach der Aufgabe der Militärstadt begann der langsame Verfall. Pflanzen breiteten sich auf Straßen und zwischen Gebäuden aus. Technische Anlagen wurden entfernt oder beschädigt. Das große Antennengerüst überstand die Jahrzehnte dagegen weitgehend.

Mit seiner enormen Höhe wurde Duga zu einem der bekanntesten Motive der Sperrzone. Die Anlage tauchte später in Dokumentarfilmen, Computerspielen und zahlreichen fotografischen Arbeiten auf. Dadurch wurde der „Russian Woodpecker“ auch Menschen bekannt, die sich vorher nicht mit sowjetischer Radartechnik beschäftigt hatten.

Die Duga ist jedoch nur ein Teil der verlassenen Umgebung von Tschernobyl und Prypjat. Weitere Dokumentationen zeigen den Vergnügungspark von Prypjat, das Krankenhaus von Prypjat, die Middle School No. 3 und die unvollendeten Kühltürme der Reaktoren 5 und 6.

Mein Besuch der Duga 2017

Im Jahr 2017 besuchte ich die Duga Radarstation während meiner Reise durch die Sperrzone von Tschernobyl. Bereits aus einiger Entfernung war das obere Ende der Antennen über den Bäumen zu erkennen. Am Fuß der Anlage verlor sich dagegen jedes Gefühl für ihre tatsächliche Größe.

Die senkrechten Stahlträger ragten wie die Rippen eines gigantischen technischen Skeletts in den Himmel. Zwischen ihnen verliefen Leitern und schmale Wartungsebenen. Wind bewegte sich durch die Konstruktion und erzeugte immer wieder metallische Geräusche.

Während meines genehmigten Besuchs durfte ich einen Teil der Anlage besteigen. Mit zunehmender Höhe öffnete sich der Blick über die dichten Wälder der Sperrzone. Gleichzeitig wurde deutlich, wie schmal und exponiert die historischen Wartungswege waren.

Die Kombination aus Höhe, technischer Geschichte und jahrzehntelangem Stillstand machte Duga zu einem der eindrucksvollsten Orte meiner Reise. Kaum eine andere Anlage verkörpert die Größenordnung und die Geheimhaltung militärischer Projekte des Kalten Krieges so deutlich.

Meine Fotografien dokumentieren den Zustand der Duga im Jahr 2017. Sie sind keine Aufforderung, die Konstruktion selbst zu besteigen. Das Stahlgerüst ist alt, ungesichert und gefährlich. Außerdem befindet es sich in einem militärisch und radiologisch sensiblen Gebiet.

Atmosphere / Atmosphäre
100%
Risk / Gefahr
100%
Vandalism / Vandalismus
9%
Decay / Verfall
69%

Zone, visited in 2017

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