In einer gewaltigen Halle des Kosmodroms Baikonur liegt eine sowjetische Rakete, die niemals starten sollte. Bei dem rund 50 Meter langen Fahrzeug handelt es sich um einen nicht flugfähigen Prototyp der Energija-M. International wird der Name häufig als Energia-M geschrieben. Die Rakete sollte eine kleinere und wirtschaftlichere Variante der sowjetischen Energija-Trägerrakete werden.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das Projekt eingestellt. Der Prototyp blieb in der für Belastungs- und Konstruktionstests genutzten Halle zurück. Dort erinnert er bis heute an ein Raumfahrtprogramm, das technisch außerordentlich ambitioniert war, wirtschaftlich jedoch keine Zukunft mehr hatte.
Meine Fotografien entstanden bei meinem Besuch im Jahr 2019. Sie zeigen die Energija-M in ihrer ursprünglichen Testhalle und dokumentieren einen der außergewöhnlichsten Lost Places in Kasachstan.
Die Entwicklung der großen Energija-Trägerrakete begann in den 1970er-Jahren. Die Sowjetunion benötigte ein leistungsfähiges System, das sowohl die geplante Buran-Raumfähre als auch andere schwere Nutzlasten in eine Umlaufbahn transportieren konnte.
Anders als beim amerikanischen Space Shuttle befanden sich die Haupttriebwerke nicht an der Raumfähre. Stattdessen bildete die Energija eine eigenständige Trägerrakete. Dadurch konnte sie auch ohne Buran eingesetzt und mit anderen Nutzlasten kombiniert werden.
Die Energija erreichte eine Höhe von knapp 59 Metern. Vier seitliche Booster umgaben die zentrale Raketenstufe. Die Booster verwendeten Kerosin und flüssigen Sauerstoff. Ihre RD-170-Triebwerke gehörten zu den leistungsstärksten jemals entwickelten Flüssigkeitsraketentriebwerken.
Die Zentralstufe wurde von vier RD-0120-Triebwerken angetrieben. Diese verbrannten flüssigen Wasserstoff und flüssigen Sauerstoff. In ihrer ursprünglichen Konfiguration sollte die Energija ungefähr 100 Tonnen Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn befördern können.
Quellen: Buran-Energia: Beschreibung der Energija-Trägerrakete | Buran-Energia: Technische Daten der Energija | NASA Technical Reports Server: Energia Space Transportation System
Die Energija startete nur zweimal. Ihr erster Flug fand am 15. Mai 1987 in Baikonur statt. Als Nutzlast trug die Rakete das große Raumfahrzeug Polyus, das auch unter der Bezeichnung Skif-DM bekannt war.
Die eigentliche Energija-Trägerrakete arbeitete während des Starts wie vorgesehen. Nach der Trennung sollte Polyus mit einem eigenen Antrieb die endgültige Umlaufbahn erreichen. Aufgrund eines Fehlers in der Flugsteuerung führte das Raumfahrzeug das notwendige Manöver jedoch nicht korrekt aus. Polyus fiel daraufhin zurück in die Atmosphäre und stürzte in den Pazifik.
Der erste Einsatz war deshalb nur teilweise erfolgreich. Die Energija hatte ihre Funktion als Trägerrakete erfüllt, die transportierte Nutzlast erreichte ihr Ziel jedoch nicht.
Quellen: RussianSpaceWeb: Geschichte der Energija | Buran-Energia: Rocket launcher Energia
Beim zweiten Start am 15. November 1988 trug die Energija den sowjetischen Buran Shuttle. Die unbemannte Raumfähre wurde seitlich an der Zentralstufe befestigt und vom Kosmodrom Baikonur ins All gebracht.
Nach der Trennung setzte der Buran seinen Flug selbstständig fort. Die Raumfähre umkreiste die Erde zweimal. Anschließend trat sie wieder in die Atmosphäre ein und landete vollautomatisch auf der dafür errichteten Landebahn in Baikonur.
Die Mission bewies, dass das Energija-Buran-System grundsätzlich funktionierte. Trotzdem blieb es der letzte Start beider Systeme. Weitere Missionen wurden zunächst verschoben und später vollständig aufgegeben.
In einer anderen verlassenen Halle in Baikonur stehen noch heute zwei Raumfahrzeuge aus dem Programm. Meine Fotografien und ihre Geschichte findest du im Portfolio über den Buran Shuttle im verlassenen Hangar von Baikonur.
Quellen: European Space Agency: 1988 launch of Soviet Buran shuttle | Smithsonian National Air and Space Museum: The Soviet Buran Shuttle
Die ursprüngliche Energija war für viele mögliche Nutzlasten zu groß und zu teuer. Deshalb entstand zu Beginn der 1990er-Jahre das Konzept einer kleineren Variante. Die Energija-M sollte einen Teil der vorhandenen Technik übernehmen, aber mit weniger Triebwerken und Boostern auskommen.
Während die große Energija vier seitliche Booster verwendete, waren für die Energija-M nur zwei vorgesehen. Auch die Zentralstufe wurde verkürzt. Statt vier RD-0120-Triebwerken sollte sie lediglich ein Triebwerk dieses Typs erhalten.
Die Energija-M sollte ungefähr 50,5 Meter hoch werden und bis zu 34 Tonnen in eine niedrige Erdumlaufbahn transportieren können. Damit wäre sie deutlich schwächer als die ursprüngliche Energija gewesen. Trotzdem hätte ihre Leistung für zahlreiche Satelliten und andere schwere Nutzlasten ausgereicht.
Das neue System sollte langfristig auch die Proton-Rakete ersetzen. In einem russischen Auswahlverfahren unterlag das Konzept jedoch der neu entwickelten Angara. Gleichzeitig fehlte nach dem Zerfall der Sowjetunion das Geld, um die Energija-M weiterzuentwickeln.
Quellen: RussianSpaceWeb: Energia-M | Buran-Energia: Technische Daten der Energija-M
Bei der Rakete in meinen Fotografien handelt es sich nicht um eine vollständig einsatzfähige Energija-M. Das Fahrzeug war ein originalgroßes Strukturmodell. Es wurde gebaut, um Konstruktion, Montage und Belastungen unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen.
Der Prototyp befindet sich bis heute in einer dynamischen Testanlage auf dem Gelände von Baikonur. Die Halle war dafür ausgelegt, große Raketenkomponenten aufzunehmen und technische Belastungsversuche durchzuführen. Entsprechend massiv sind ihre Stahlkonstruktionen und Testvorrichtungen.
Nach dem Ende des Projekts bestand kein Bedarf mehr für das gewaltige Modell. Gleichzeitig wäre sein Abtransport mit erheblichem Aufwand verbunden gewesen. Deshalb blieb die Energija-M in der Halle zurück. Aus einem technischen Versuchsobjekt wurde über die Jahrzehnte ein einzigartiges Zeugnis sowjetischer Raumfahrtgeschichte.
Quellen: RussianSpaceWeb: The swan song of the Soviet space program | Arkadiusz Podniesiński: Forgotten Burans and Energia-M
Mit dem Ende der Sowjetunion verschwanden die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für das Energija-Buran-Programm. Die Herstellung der aufwendigen Raketenkomponenten wurde beendet. Viele spezialisierte Produktionsanlagen und technische Fähigkeiten gingen anschließend verloren.
Im Jahr 1993 wurde das Buran-Programm offiziell eingestellt. Damit verloren auch die Energija und ihre geplanten Varianten ihre wichtigste Aufgabe. Die bereits gebauten Testfahrzeuge, unfertigen Raumfähren und Anlagen blieben an verschiedenen Orten zurück.
Ein Teil der für die Energija entwickelten Technik wirkte dennoch weiter. Spätere Triebwerke basierten auf der RD-170-Familie. Dadurch lebt ein Teil der sowjetischen Entwicklung in jüngeren russischen und internationalen Raketensystemen fort.
Quellen: RussianSpaceWeb: Energia | Popular Mechanics: The legacy of Energia
Im Jahr 2019 konnte ich die zurückgelassene Energija-M selbst fotografieren. Die Dimensionen des Prototyps waren bereits beim Betreten der Halle überwältigend. Die Rakete nahm einen großen Teil des Gebäudes ein und wirkte selbst neben der massiven Stahlkonstruktion der Testanlage gewaltig.
Besonders eindrucksvoll war der Gegensatz zwischen der technischen Präzision des Raketenmodells und dem fortschreitenden Verfall seiner Umgebung. An vielen Stellen zeigten sich Rost, Staub und Spuren jahrzehntelanger Vernachlässigung. Trotzdem war die ursprüngliche Form der Energija-M noch deutlich zu erkennen.
Das Fahrzeug wirkte wie ein eingefrorener Moment aus den letzten Jahren der Sowjetunion. Ingenieure hatten hier an einer neuen Generation schwerer Trägerraketen gearbeitet. Wenig später wurde das gesamte Projekt beendet und die Halle verstummte.
Für mich gehört die Energija-M zu den außergewöhnlichsten technischen Lost Places, die ich bisher dokumentiert habe. Sie steht für enorme Ingenieurskunst, aber auch für die Vergänglichkeit politischer und technologischer Visionen.
Da sich die Anlage nicht in einem regulär zugänglichen Besucherbereich befindet, veröffentliche ich weder genaue Koordinaten noch Hinweise zum Zugang. Meine Fotografien dienen ausschließlich der historischen und fotografischen Dokumentation.
Da dieser Ort nicht offiziell zu besichtigen ist, darf ich keinen genauen Standort im Internet veröffentlichen. Ich bitte um Verständnis.
This place is not officially open for visitors, I am not allowed to publish the exact coordinates or give out any information. I ask for your understanding.
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