Zwischen alten Olivenbäumen und den grünen Hügeln im Zentrum von Korfu liegt ein Kloster, das auf den ersten Blick beinahe vergessen erscheint. Seine groben Steinmauern tragen die Spuren vieler Jahrhunderte. Im Inneren blicken verblasste Heilige von den Wänden, während kleine Ikonen und Kerzen zeigen, dass dieser Ort bis heute nicht vollständig aufgegeben wurde.
Die Moni Agiou Vlassi, auch als Kloster Saint Vlasios oder Agios Vlasios bekannt, ist deshalb kein Lost Place im klassischen Sinn. Vielmehr ist sie ein still gewordenes Heiligtum, dessen große Zeit lange vorüber ist. Gerade dieser Zustand zwischen Vergänglichkeit und fortbestehendem Glauben macht den Ort so außergewöhnlich.
Das Kloster befindet sich beim Dorf Kamara, südlich von Kastellanoi und rund zehn Kilometer von Korfu Stadt entfernt. Seine Ursprünge reichen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Damit gehört Saint Vlasios zu den mittelalterlichen Sakralbauten der Insel.
Während der jahrhundertelangen venezianischen Herrschaft über Korfu wurde das Kloster neu errichtet. Dabei blieben Teile des älteren byzantinischen Bauwerks erhalten. Das heutige Erscheinungsbild verbindet deshalb unterschiedliche Bauphasen miteinander. Hinter den scheinbar schlichten Mauern verbergen sich Spuren aus mehreren Epochen.
Quelle: Golden Greece: Geschichte der Moni Agiou Vlassi
Die Geschichte dieses Platzes begann vermutlich lange vor der Errichtung des mittelalterlichen Klosters. Im Bauwerk wurden ältere architektonische Elemente verwendet. Besonders bemerkenswert ist ein dorisches Säulenkapitell, das in den Altar integriert wurde.
Weitere Bauteile werden einer frühchristlichen Kirche zugeschrieben. Daraus entstand die Vermutung, dass sich an dieser Stelle zunächst ein antikes Heiligtum und später eine frühchristliche Basilika befunden haben könnten. Das Kloster steht somit möglicherweise auf einem Platz, der bereits seit der Antike eine religiöse Bedeutung besaß.
Quelle: Golden Greece: Historische Bauteile des Klosters Saint Vlasios
Die Klosterkirche ist ein einschiffiger Bau aus unregelmäßigem Naturstein. Im Osten schließt sie mit einer dreiseitigen Apsis ab. Der ursprüngliche Eingang befindet sich an der südlichen Wand.
In Teilen des Mauerwerks lassen sich diagonale Ziegelsetzungen und achtstrahlige Sterne erkennen. Solche dekorativen Elemente gelten als charakteristisch für die byzantinische Kirchenarchitektur.
An der Südseite und der Westseite befinden sich außerdem Reste eines späteren Vorbaus. Darin wurden Teile einer Grabplatte entdeckt, die den klösterlichen Ursprung der Anlage zusätzlich belegen.
Quelle: Golden Greece: Architektur der Moni Agiou Vlassi
Der eigentliche Schatz des Klosters befindet sich im Inneren. Zahlreiche Fresken aus unterschiedlichen Jahrhunderten bedecken die Wände. Feuchtigkeit, Staub und der natürliche Verfall haben viele Darstellungen stark beschädigt. Manche Gesichter sind nur noch als Schatten zu erkennen. An anderen Stellen haben sich erstaunlich kräftige Farben erhalten.
Zu sehen sind unter anderem die Gottesmutter mit dem Jesuskind, die Apostel, verschiedene Heilige sowie der heilige Blasius im bischöflichen Gewand. Im Narthex haben sich weitere Heiligendarstellungen erhalten. Auch im Altarraum lassen sich noch Fragmente einstiger Figuren erkennen.
Die Bilder wirken nicht wie abgeschlossene Kunstwerke in einem Museum. Risse durchziehen den Putz. Einzelne Farbschichten lösen sich von den Wänden. Fehlstellen legen das rohe Mauerwerk frei. Gerade dadurch wird sichtbar, wie verletzlich diese jahrhundertealten Darstellungen geworden sind.
Quelle: Golden Greece: Fresken im Kloster Saint Vlasios
Geweiht wurde das Kloster dem heiligen Blasius von Sebaste. Der Überlieferung nach war er Bischof und Arzt. Während der Herrschaft des römischen Kaisers Licinius erlitt er im frühen 4. Jahrhundert den Märtyrertod. In der christlichen Tradition gilt er als Schutzheiliger der Menschen, die an Erkrankungen des Halses leiden.
Auf Korfu ist mit dem Heiligen ein ungewöhnlicher Brauch verbunden. An seinem Gedenktag am 11. Februar wird Wassermelone an die Gläubigen verteilt. Die Tradition erinnert an eine Überlieferung, nach der der heilige Blasius die Kinder der Insel vor einer tödlichen Halskrankheit bewahrt haben soll.
Quelle: Golden Greece: Der heilige Blasius und der Brauch auf Korfu
Wie bei vielen abgeschiedenen Heiligtümern entstanden auch um Saint Vlasios lokale Geschichten. Ein Bereich nordöstlich der Kirche soll nach alten Erzählungen ein Treffpunkt von Geistern und übernatürlichen Wesen sein.
Historisch belegen lässt sich diese Überlieferung nicht. Dennoch zeigt sie, welchen geheimnisvollen Stellenwert der Ort im Gedächtnis der Menschen besitzt. Zwischen den alten Mauern verbinden sich religiöse Geschichte und lokale Legenden.
Quelle: Golden Greece: Überlieferungen rund um Saint Vlasios
Obwohl das Kloster stark gealtert und über weite Strecken ungenutzt erscheint, ist es nicht vollkommen verlassen. Kleine gerahmte Heiligenbilder, Kerzen und persönliche Gaben liegen noch immer auf den steinernen Altären. Sie zeigen, dass Menschen diesen Ort weiterhin aufsuchen.
Saint Vlasios ist daher weniger eine aufgegebene Ruine als ein stilles Denkmal gelebten Glaubens. Der Verfall ist sichtbar, doch gleichzeitig wird die religiöse Bedeutung des Ortes bewahrt. Vergangenheit und Gegenwart existieren hier unmittelbar nebeneinander.
Von außen wirkte Saint Vlasios zunächst ungewöhnlich unscheinbar. Die Kirche bestand aus grobem Stein, einem einfachen Ziegeldach und wenigen schmalen Öffnungen. Nichts an dieser Fassade verriet, welche Bilder sich im Inneren erhalten hatten.
Beim Betreten veränderte sich die Atmosphäre sofort. Das helle Sonnenlicht drang nur durch kleine Fenster in die dunklen Räume. Langsam wurden die Fresken sichtbar. Apostel, Bischöfe und Heilige tauchten aus dem Halbdunkel auf. Einige Gesichter waren fast vollständig verschwunden, während andere mich nach Jahrhunderten noch immer direkt anzusehen schienen.
Besonders eindrucksvoll war der Kontrast zwischen dem bröckelnden Putz und den kleinen, neueren Ikonen. Auf einem der steinernen Altäre standen ein rotes Opferlicht und ein schlichtes Kreuzigungsbild. Diese Gegenstände wirkten wie leise Zeichen dafür, dass der Ort noch nicht aufgegeben worden war.
Zwischen den Wandmalereien lagen Jahrhunderte. Einige Darstellungen waren noch deutlich zu erkennen. Andere schienen langsam mit dem Untergrund zu verschmelzen. An mehreren Stellen war der Putz bereits verschwunden und das unregelmäßige Mauerwerk kam wieder zum Vorschein.
Saint Vlasios gehört für mich deshalb zu den ungewöhnlichsten Orten auf Korfu. Das Kloster erzählt nicht nur vom Verfall eines alten Bauwerks. Es zeigt auch, wie ein heiliger Platz viele Jahrhunderte überstehen kann, obwohl seine Mauern längst begonnen haben, sich aufzulösen.
Die Fresken verblassen. Der Glaube aber hat diesen Ort noch immer nicht vollständig verlassen.
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