Bei Felsőhídvég im ungarischen Komitat Tolna steht eine kleine barocke Kapelle, die heute vor allem durch ihren Verfall auffällt. Die Nepomuki-Szent-János-Kapelle Felsőhídvég besitzt keine schützende Dachkonstruktion mehr. Ihre dekorierten Innenräume sind der Witterung ausgesetzt. Zwischen freigelegtem Ziegelmauerwerk, abgeplatztem Putz und Bauschutt sind jedoch noch immer Spuren ihrer ursprünglichen Bedeutung erkennbar.
Die Kapelle entstand um 1770 im Umfeld des historischen Hiemer-Jeszenszky-Anwesens bei Felsőhídvég. Sie war Teil einer herrschaftlichen Landschaft, zu der auch ein Herrenhaus und ein Park gehörten. Ein ungarischer Denkmalbericht beschreibt die Kapelle einst als eine der schönsten ihrer Art in der Region.
Heute ist von dieser Wirkung nur noch wenig erhalten. Die Außenfassade ist stark beschädigt, der Putz blättert großflächig ab und an mehreren Stellen tritt das Ziegelmauerwerk offen hervor. Trotzdem sind die ursprünglichen Proportionen und die aufwendig gestalteten Innenräume noch deutlich zu erkennen.
Quellen: Műemlékem: Nepomuki Szent János-kápolna, Kölesd | Gemeinde Kölesd: Denkmalverzeichnis und geschützte Umgebung
Der Name der Kapelle geht auf den heiligen Johannes Nepomuk zurück. Der böhmische Priester gilt als Schutzheiliger der Brücken und wird außerdem mit Flüssen, Fischern, Schiffern und weiteren Berufen rund um das Wasser verbunden.
Sein Patrozinium passt damit zu einer Zeit, in der religiöse Bauwerke nicht nur der Andacht dienten. Sie waren auch sichtbare Zeichen einer Familie, ihres Glaubens und ihres gesellschaftlichen Ranges. Die kleine Kapelle von Felsőhídvég verband diese religiöse Funktion mit ihrer Rolle als Begräbnisstätte.
Quellen: Katholische Militärseelsorge: Nepomuki Szent János | Katholisches Archiv: Johannes Nepomuk
Die eigentliche Bedeutung des Gebäudes liegt in seiner Funktion als Familiengrabkapelle. Im Boden des Innenraums befindet sich eine große offene Stelle. Ein ungarischer Zustandsbericht ordnet sie der ehemaligen Krypta der Hiemer-Familie zu.
Nach diesem Bericht wurde Hiemer János im Jahr 1810 in der Kapelle beigesetzt. Sein Grab soll bis in die 1950er Jahre durch eine rote Marmortafel gekennzeichnet gewesen sein. Später gerieten die Kapelle, das Anwesen und auch die Grabstätte zunehmend in Vergessenheit.
Die Öffnung im Boden ist deshalb nicht nur ein Einsturzschaden. Sie verweist direkt auf die frühere Funktion des Gebäudes. Der heutige Verfall legt einen Ort frei, der ursprünglich dazu gedacht war, die Erinnerung an eine wohlhabende Familie über Generationen hinweg zu bewahren.
Quellen: Műemlékem: Nepomuki Szent János-kápolna, Kölesd | Kapszli: Bericht zur Kapelle und zur Hiemer-Familiengruft
Das Innere der Kapelle war ursprünglich mit Wandmalereien und Fresken ausgestattet. Durch den Verlust des Daches konnten Regen und Feuchtigkeit über viele Jahre ungehindert in das Gebäude eindringen. Ein großer Teil der ursprünglichen Malereien wurde dadurch zerstört oder abgewaschen.
Auf meinen Aufnahmen sind trotzdem noch Reste der alten Gestaltung zu erkennen. Verblasste Ornamente, dekorierte Wandflächen und Teile einer Darstellung des Heiligen Geistes haben die Zeit überstanden. Besonders eindrucksvoll ist das Zusammenspiel aus barocker Gestaltung, freigelegtem Ziegelmauerwerk und dem überall sichtbaren Verfall.
Auch das Gewölbe erzählt von dieser Veränderung. Was einst ein geschlossener, repräsentativer Sakralraum war, wirkt heute offen, beschädigt und von der Natur zurückerobert. Jeder weitere Winter dürfte die verbliebenen Reste weiter gefährden.
Quellen: Műemlékem: Nepomuki Szent János-kápolna, Kölesd | Kapszli: Bericht über den Zustand der Kapelle
Auf einem der Fotos sind zwei menschliche Schädel zwischen Ziegeln und Bauschutt zu sehen. Ihr Auftauchen wirkt zunächst verstörend. Im Zusammenhang mit der dokumentierten Familienkrypta sind sie jedoch ein direkter Hinweis auf die ursprüngliche Funktion dieses Ortes.
Ein Denkmalbericht erwähnt, dass nach dem Verfall der Kapelle nur noch eine Vertiefung im Boden an die frühere Krypta erinnerte. Außerdem sollen verstreute menschliche Knochen sichtbar gewesen sein. Ein weiterer ungarischer Bericht spricht davon, dass die Gruft von Grabräubern geöffnet worden sein soll. Für diese konkrete Behauptung konnte ich keine offizielle Bestätigung finden, deshalb gebe ich sie ausdrücklich nur als überlieferte Darstellung wieder.
Ich möchte diese Stelle nicht als makabres Motiv darstellen. Die Überreste gehören zur Geschichte der Kapelle und zeigen, wie gründlich der Ort seine ursprüngliche Würde verloren hat.
Quellen: Műemlékem: Nepomuki Szent János-kápolna, Kölesd | Kapszli: Bericht über die geöffnete Familiengruft
Die Nepomuki-Szent-János-Kapelle ist im Denkmalverzeichnis der Gemeinde Kölesd weiterhin als geschütztes Bauwerk mit der Denkmalnummer 8657 aufgeführt. Auch die Umgebung des Bauwerks steht im Zusammenhang mit dem geschützten historischen Ensemble.
Ein offizieller Denkmalschutzstatus bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein Gebäude erhalten oder restauriert wird. Eine konkrete Restaurierung der Kapelle konnte ich in den verfügbaren Quellen nicht nachweisen. Ein aktueller Bericht über das nahegelegene Hiemer-Jeszenszky-Anwesen beschreibt die gesamte Umgebung weiterhin als stark verwildert und vom Verfall bedroht.
Meine Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2022. Sie dokumentieren deshalb vor allem den Zustand zu diesem Zeitpunkt. Die Kapelle bleibt ein geschütztes Denkmal, doch ohne Sicherung und Dach wird der Verfall weiter fortschreiten.
Quellen: Gemeinde Kölesd: HESZ und Denkmalverzeichnis | NEXIT: Jeszenszky-Kastély bei Kölesd
2022 stand ich vor einer kleinen Kapelle, deren äußere Erscheinung bereits deutlich machte, dass hier seit langer Zeit nichts mehr instand gesetzt wurde. Zwischen den Bäumen ragte der beschädigte Turm aus dem Herbstwald. Der Putz war abgeblättert, Fenster und Türen standen offen und an vielen Stellen hatte sich die Natur ihren Raum zurückgeholt.
Im Inneren wurde der Zustand noch eindringlicher. Überall lagen Trümmer, Teile des Bodens waren eingebrochen und die verblassten Wandmalereien zeichneten sich nur noch fragmentarisch auf den beschädigten Flächen ab. Besonders die geöffnete Krypta und die darin sichtbaren Schädel blieben mir im Gedächtnis.
Die Nepomuki-Szent-János-Kapelle ist für mich kein gewöhnlicher Lost Place. Sie ist eine ehemalige Grabkapelle, ein geschütztes Denkmal und gleichzeitig ein Ort, an dem sich der Verlust von Geschichte unmittelbar beobachten lässt. Zwischen Freskenresten, offenem Mauerwerk und menschlichen Überresten wird sichtbar, wie schnell Erinnerung verschwinden kann, wenn niemand mehr für ihren Erhalt einsteht.
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