Am Ufer der Donau, im XI. Bezirk von Budapest, steht das Kelenföldi Erőmű: ein Kraftwerkskomplex, in dem sich industrielle Geschichte und laufender Betrieb begegnen. Bei meinem Besuch im Jahr 2022 führten mich die Bilder in die stillen, monumentalen Bereiche der Anlage. Doch Kelenföld ist nicht einfach ein verlassenes Kraftwerk: Während viele historische Hallen heute nicht mehr genutzt werden, arbeiten moderne Anlagenteile weiterhin für die Energieversorgung der Stadt.
Die Entscheidung für ein neues städtisches Kraftwerk fiel 1911. Der Bau nach den Plänen des Architekten Kálmán Reichl begann 1912; am 18. Juni 1914 nahm die Anlage den Betrieb auf. Kelenföld war Budapests erstes Wechselstromkraftwerk und galt bei seiner Eröffnung als technisch fortschrittliche Anlage.
Zu Beginn erzeugten kohlebefeuerte Niederdruckkessel den Dampf für zwei Turbogeneratoren mit je 7,5 Megawatt. Sie lieferten Strom mit einer Spannung von 10 Kilovolt. Der Erste Weltkrieg bremste die geplante Entwicklung zunächst, doch in den folgenden Jahrzehnten wurde das Kraftwerk erweitert und an den wachsenden Energiebedarf der Hauptstadt angepasst.
Quellen: Veolia: 110 Jahre Kelenföldi Erőmű | KÉK Városi Séták: Kelenföldi Erőmű
Zwischen 1962 und 1972 wurde die Anlage grundlegend verändert. Kohle und Heizöl wichen schrittweise Erdgas. 1972 ging in Kelenföld die erste Gasturbine Ungarns in Betrieb. Weitere Modernisierungen folgten, darunter eine große Gasturbine mit Abhitzekessel ab 1995 und kleinere Gasturbinen im Zuge späterer Ausbauschritte.
Heute versorgt das Kraftwerk laut Betreiber rund 41.150 Wohnungen und etwa 1.800 weitere Abnehmer mit Fernwärme. Veolia weist eine elektrische Leistung von 177,8 Megawatt und eine Wärmeleistung von 368 Megawatt aus. Damit ist Kelenföld ein Ort mit zwei sehr unterschiedlichen Seiten: historische Gebäude, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben, und moderne Technik, die weiterhin Teil der städtischen Versorgung ist.
Quellen: Veolia: Kelenföld Power Plant und technische Daten | Veolia: Kelenföldi Erőmű
Zu den markantesten Gebäuden der Anlage gehört das historische Schalthaus mit seinem berühmten Schaltraum. Virgil Bierbauer stieß 1925 zu den Planungsarbeiten hinzu und übernahm nach Reichls Tod die Leitung der Erweiterungen. Der charakteristische Uhrturm entstand 1926; Schalthaus und Schaltraum folgten zwischen 1927 und 1929.
Der Raum verbindet klare geometrische Formen mit der ursprünglichen technischen Ausstattung: Reihen von Schaltfeldern, Bedienpulte und Anzeigen stehen unter einer oval wirkenden Decke aus Opalglas. Das einfallende Licht gibt dem Raum eine fast surreale Atmosphäre. Die Architektur sollte nicht nur eine technische Aufgabe erfüllen, sondern den industriellen Zweck sichtbar und gestalterisch erfahrbar machen.
Quellen: KÉK Városi Séták: Geschichte und Architektur | Veolia: Die historische Anlage
Die aus dem Betrieb genommenen Räume wurden später zu Kulissen für Film- und Fernsehproduktionen. In Chernobyl Diaries diente der Schaltraum als Kulisse für das titelgebende Kraftwerk. Auch die Serie Dracula, Spy mit Melissa McCarthy und der Thriller Terminal nutzten die markante Anlage als Drehort.
Weitere Produktionen, die mit Kelenföld in Verbindung gebracht werden, sind World War Z, Outside the Wire, The Munsters und Infinity Pool. Bei World War Z wurden zwar Szenen vor Ort gedreht, sie schafften es Berichten zufolge jedoch nicht in die finale Kinofassung. Auch Musikproduktionen nutzten die Räume: 2021 filmten Péterfy Bori & Love Band dort ihr Konzertprojekt Koncertfilm az Erőműből; bereits 2007 drehte Tankcsapda im Kraftwerk das Musikvideo zu Elektromágnes.
Quellen: Progressive Productions: Kelenföld als Filmlocation | Kortárs Online: Péterfy Bori & Love Band | 24.hu: The Munsters in Kelenföld | 24.hu: Infinity Pool | Koncert.hu: Konzertfilm und Musikvideo
Das Gelände ist kein frei zugänglicher Lost Place. Eine konkrete offizielle Besuchsmöglichkeit ist für die Erőművek Éjszakája am 16. Oktober 2026 angekündigt. Kelenföld steht auf der offiziellen Liste der teilnehmenden Orte. Die Anmeldung soll am 1. Oktober 2026 um 10 Uhr über das Anmeldeportal starten. Wähle dort den Standort „Veolia – Kelenföldi Erőmű“, prüfe die verfügbaren Zeitfenster und buche einen Platz. Die Kapazitäten sind begrenzt; maßgeblich ist die aktuelle Anzeige im Portal.
Die angekündigte Führung umfasst unter anderem Bereiche der GT2-Halle, den Übergang über die sogenannte „Seufzerbrücke“, ein Kraftwerksmuseum mit einer geöffneten Dampfturbine und Anlagen der Wärmeversorgung. Wichtig: Der historische alte elektrische Schaltraum ist laut Veranstalter bei dieser Besichtigung nicht zugänglich. Eine Teilnahme garantiert daher keinen Zugang zu genau den Räumen, die auf vielen historischen Aufnahmen zu sehen sind.
Für den Besuch gelten Sicherheitsregeln: Unter 14 Jahren ist der Zutritt nicht erlaubt; Besucher unter 16 Jahren dürfen nur in Begleitung kommen. Geschlossene Schuhe und lange Hosen sind vorgeschrieben. Fotografieren ist laut Besucherinformation möglich, Beschäftigte dürfen jedoch nicht auf den Bildern erscheinen. Für eine Veröffentlichung in Medien ist die vorherige Zustimmung der Betreibergesellschaft erforderlich. Falls der Termin ausgebucht ist oder bereits vorbei sein sollte, prüfe die offizielle Veranstaltungsseite auf weitere Termine. Unangemeldet solltest du nicht zum Kraftwerk gehen.
Quellen: Erőművek Éjszakája: Veolia – Kelenföldi Erőmű | Offizielle Anmeldung | Erőművek Éjszakája 2026
Ich habe das Kelenföldi Erőmű 2022 besucht. Die Bilder aus dieser Galerie halten meinen damaligen Eindruck fest: ein Ort, an dem die schwere Technik, die klare Art-déco-Architektur und die Stille der nicht mehr genutzten Räume eine besondere Spannung erzeugen. Gleichzeitig erzählt das Kraftwerk weiter seine Geschichte, als Teil der Budapester Industriegeschichte und als Anlage, die bis heute Energie für die Stadt bereitstellt.
Falls Ihnen ein Foto ganz besonders gut gefällt und Sie einen Kunstdruck dessen erwerben möchten, können Sie dies im Lost Places Shop tun. Falls Sie Interesse an Fotografien für eine Dokumentation oder sonstige mediale Verwendung haben, schreiben Sie mir direkt eine E-Mail an info@lost-places.com.