Etwa 300 Meter westlich des Ortszentrums von Nové Sedliště liegt in einem bewaldeten Tal ein kleiner, heute stark überwucherter jüdischer Friedhof. Das ehemalige jüdische Gräberfeld befindet sich unterhalb der Dorfkirche, in der Nähe eines Bachlaufs und abseits der heutigen Straßen. Zwischen Bäumen, Laub und dichtem Bewuchs sind zahlreiche historische Grabsteine und Fragmente erhalten geblieben.
Der Friedhof ist heute eines der letzten sichtbaren Zeugnisse der jüdischen Geschichte von Nové Sedliště. Von der früheren jüdischen Gemeinde, ihrer Synagoge und den Wohnhäusern des jüdischen Viertels ist vor Ort kaum noch etwas zu erkennen.
Quellen: Stadt Tachov | Archivierte Datenbank jüdischer Denkmäler
Eine jüdische Ansiedlung in Nové Sedliště wird bereits für die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts vermutet. Schriftlich greifbarer wird die jüdische Gemeinde zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Über mehrere Jahrhunderte entwickelte sich im Ort ein jüdisches Gemeindeleben mit einer Synagoge, einem Gemeindehaus, einer jüdischen Schule und einem eigenen Rabbiner.
Vor der Mitte des 19. Jahrhunderts bestand im Ort ein jüdisches Viertel mit ungefähr 27 Häusern. Die Gemeinde war damit ein fester Bestandteil des damaligen Ortes und nicht nur eine kleine Ansammlung einzelner Familien. Das jüdische Leben endete im 20. Jahrhundert jedoch vollständig. Die nationalsozialistische Verfolgung, die Vertreibung und die Ermordung der jüdischen Bevölkerung zerstörten die über Jahrhunderte gewachsene Gemeinschaft.
Auch das Gemeindearchiv blieb nicht erhalten. Ein großer Teil der Unterlagen war vor dem Ersten Weltkrieg nach Tachov gebracht worden. Während der Zerstörung der Tachauer Synagoge in der Pogromnacht im November 1938 gingen die meisten Dokumente verloren. Erhalten blieben nur einzelne Protokolle, Rechnungen und Satzungen.
Quellen: Archivierte Datenbank jüdischer Denkmäler | Stadt Tachov
Die erste Synagoge von Nové Sedliště soll um das Jahr 1703 errichtet worden sein. Sie war vermutlich ein Holzbau und bot nach historischen Angaben Platz für etwa 40 Männer und 28 Frauen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie abgetragen.
Zwischen 1786 und 1788 entstand eine größere Synagoge. Sie verfügte über 62 Plätze für Männer und 44 Plätze für Frauen und wurde bis zum Jahr 1911 genutzt. Der wertvoll gestaltete Toraschrein wurde 1912 in die Synagoge nach Tachov gebracht.
Die Synagoge von Nové Sedliště wurde schließlich im Jahr 1918 abgerissen. Heute erinnert nur noch ein steinernes Portal mit einem Davidstern und der Jahreszahl 1786 an das Gebäude. Es befindet sich am Haus Nummer 66, das zu einem landwirtschaftlich genutzten Anwesen gehört.
Quellen: Archivierte Datenbank jüdischer Denkmäler | Stadt Tachov
Der jüdische Friedhof wurde wahrscheinlich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts angelegt. Bestattungen fanden vermutlich bis in die 1930er-Jahre statt. Das Gelände umfasst ungefähr 1.205 Quadratmeter und besitzt eine unregelmäßige Form. Durch seine Lage in einem bewaldeten Tal ist der Friedhof heute nur schwer vom umgebenden Wald zu unterscheiden.
Je nach Quelle sind noch etwa 240 bis knapp 250 Grabsteine und Grabsteinfragmente erhalten. Auch beim ältesten datierten Grabstein gibt es leicht unterschiedliche Angaben. Er wird in den Quellen mit den Jahren 1703 oder 1704 angegeben. Die erhaltenen Grabmale stammen aus verschiedenen Epochen und zeigen unter anderem barocke und klassizistische Gestaltungselemente.
Viele Inschriften sind durch Witterung, Flechten, Moos und Bewuchs nur noch schwer zu entziffern. Einige Grabsteine stehen noch aufrecht, andere sind umgestürzt, zerbrochen oder teilweise im Boden versunken. Die hebräischen Texte erinnern an Menschen einer Gemeinde, deren Namen und Lebensgeschichten heute vielfach nur noch auf diesen Steinen weiterbestehen.
Quellen: Archivierte Datenbank jüdischer Denkmäler | Tschechische Dokumentation zum Friedhof
Der Friedhof wurde über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren nicht ausreichend gepflegt. In dieser Zeit wurden zahlreiche Grabsteine beschädigt oder entwendet. Der Bewuchs breitete sich auf dem Gelände aus und erschwerte den Zugang zu den einzelnen Grabstellen.
In den Jahren 2005 und 2006 erfolgte eine Rekonstruktion des Friedhofs. Dabei wurden Teile des Geländes wieder zugänglich gemacht und zahlreiche Grabsteine gesichert beziehungsweise aufgerichtet. Der Friedhof befindet sich im Besitz der Föderation der Jüdischen Gemeinden der Tschechischen Republik.
In mehreren Berichten wird außerdem erzählt, dass sich am Ende nur noch ein einzelner Mann um den Friedhof gekümmert haben soll. Für diese konkrete Geschichte konnte ich in den zugänglichen historischen und denkmalpflegerischen Quellen jedoch keinen belastbaren Nachweis finden. Auch die Aussage, dass sich heute niemand mehr um das Gelände kümmert, lässt sich durch die verfügbaren Quellen nicht eindeutig belegen.
Festhalten lässt sich deshalb nur, dass die Anlage bereits über Jahrzehnte hinweg erheblich vernachlässigt worden war und später rekonstruiert wurde. Der allgemeine Pflegezustand vor Ort muss von der belegten Geschichte getrennt betrachtet werden.
Quellen: Archivierte Datenbank jüdischer Denkmäler | Datenbank jüdischer Denkmäler in Tschechien
Heute wirkt der Friedhof wie ein vergessener Ort innerhalb des Waldes. Zwischen den Grabsteinen wachsen Sträucher und junge Bäume, während Laub und Äste große Teile des Bodens bedecken. Viele Grabmale sind nur bei genauerem Hinsehen zu erkennen.
Gerade dieser Gegensatz macht den Ort besonders eindrucksvoll. Die Grabsteine sind nicht einfach nur überwucherte Steine, sondern die letzten materiellen Spuren einer jüdischen Gemeinde, die in Nové Sedliště über mehrere Jahrhunderte bestand. Der Friedhof erzählt damit nicht nur von Tod und Vergänglichkeit, sondern auch von der Geschichte einer vollständig verschwundenen Gemeinschaft.
Quellen: Stadt Tachov | Archivierte Datenbank jüdischer Denkmäler
Bei meinem Besuch im Jahr 2026 zeigte sich der jüdische Friedhof von Nové Sedliště als stark bewachsener und ungewöhnlich stiller Ort. Zwischen dichtem Grün, Laub und alten Bäumen standen noch zahlreiche historische Grabsteine. Einige Inschriften waren trotz der Verwitterung erkennbar, andere Grabmale lagen beschädigt oder teilweise verborgen im Gelände.
Besonders auffällig war der Kontrast zwischen den erhaltenen Grabsteinen und dem inzwischen wieder sehr natürlichen Erscheinungsbild des Friedhofs. Die Aufnahmen zeigen einen Ort, an dem sich Geschichte und Verfall unmittelbar begegnen. Von der einstigen jüdischen Gemeinde ist heute fast nichts mehr sichtbar, doch die verbliebenen Grabmale bewahren weiterhin einen Teil ihrer Erinnerung.
Falls Ihnen ein Foto ganz besonders gut gefällt und Sie einen Kunstdruck dessen erwerben möchten, können Sie dies im Lost Places Shop tun. Falls Sie Interesse an Fotografien für eine Dokumentation oder sonstige mediale Verwendung haben, schreiben Sie mir direkt eine E-Mail an info@lost-places.com.