Der Alte jüdische Friedhof in Tachov, dem früheren Tachau, liegt an der Chodská-Straße am südöstlichen Rand der tschechischen Stadt. Zwischen alten Bäumen stehen zahlreiche verwitterte Grabsteine. Moos, Efeu und herabgefallene Blätter haben viele der steinernen Erinnerungen überwachsen.
Auf den ersten Blick wirkt der Ort wie ein vergessener Lost Place. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein geschütztes Kulturdenkmal und um einen bedeutenden Erinnerungsort an die jüdische Geschichte von Tachov. Hier verfällt kein leerstehendes Gebäude. Stattdessen bewahrt der Friedhof die Spuren einer Gemeinde, die durch Verfolgung, Vertreibung und Ermordung ausgelöscht wurde.
Quelle: Holocaust.cz: Tachov | Památkový katalog: Jüdischer Friedhof Tachov | Národní památkový ústav
Der Friedhof wurde offiziell im Jahr 1615 genehmigt. Vermutlich fanden hier jedoch bereits vorher Bestattungen statt. Über mehrere Jahrhunderte diente die Anlage der jüdischen Gemeinde von Tachov. Mehrfach wurde der Friedhof erweitert, bevor die Bestattungen im Jahr 1933 endeten.
Die erhaltenen Grabsteine stammen überwiegend aus früheren Jahrhunderten. Viele tragen hebräische Inschriften und kunstvolle steinerne Verzierungen. Runde Abschlüsse, dreieckige Bekrönungen, florale Reliefs und geschwungene Ornamente machen jeden Stein zu einem individuellen Zeugnis seiner Zeit.
Heute stehen die Grabmale nicht mehr in einer vollständig geschlossenen Ordnung. Einige sind geneigt, andere teilweise überwachsen oder stark verwittert. Trotzdem lässt sich die frühere Größe und Bedeutung des Friedhofs noch immer erahnen.
Quelle: Holocaust.cz: Jüdische Geschichte von Tachov | Wikipedie: Starý židovský hřbitov v Tachově
Jüdisches Leben in Tachov lässt sich möglicherweise bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Schriftlich ist die jüdische Bevölkerung spätestens seit dem 15. Jahrhundert belegt. Im Jahr 1930 lebten noch 179 Menschen jüdischen Glaubens in der Stadt.
Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war Tachov außerdem ein bedeutender Ort jüdischer Gelehrsamkeit. In der Stadt bestand eine bekannte talmudische Schule. Mehrere Rabbiner wirkten gleichzeitig in Tachov, das zeitweise auch Sitz eines Bezirksrabbiners war.
Zur jüdischen Stadtgeschichte gehörten außerdem ein eigenes Viertel und eine Synagoge. Die neue Synagoge wurde 1911 und 1912 im Jugendstil errichtet. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde sie 1938 zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in Tachov keine jüdische Gemeinde mehr.
Quelle: Holocaust.cz: Tachov
Eine besondere Bedeutung hatte das Grab des Rabbiners Nachum Sofer, der 1815 in Tachov starb. Sein Grab galt über lange Zeit als religiöse Pilgerstätte. Gläubige Juden kamen aus weiter entfernten Regionen, um an diesem Ort zu beten.
Von den einstigen Rabbinergäbern ist heute nichts mehr erhalten. Das Grab von Nachum Sofer wurde in den 1970er-Jahren im Zuge der Verbreiterung der Chodská-Straße zerstört. Auch der westliche Teil des Friedhofs mit weiteren Rabbinergäbern wurde bereits 1968 beseitigt.
Ein Teil der wertvollsten Grabsteine wurde später nach Mariánské Lázně gebracht. Eine vollständige Beseitigung des Friedhofs war zwar geplant, wurde 1990 jedoch verhindert. Dadurch blieb wenigstens ein Teil dieses wichtigen Erinnerungsortes erhalten.
Quelle: Holocaust.cz: Tachov | Wikipedie: Alter jüdischer Friedhof Tachov
Während der nationalsozialistischen Besatzung wurde der Alte jüdische Friedhof von Tachov schwer beschädigt. Grabsteine wurden zerstört, jüdische Spuren beseitigt und die Erinnerung an die Gemeinde verdrängt.
Die Geschichte des Ortes steht deshalb nicht nur für den Verfall alter Grabmale. Sie erzählt auch von der systematischen Zerstörung jüdischen Lebens in Böhmen. Jeder erhaltene Stein erinnert an einen Menschen, dessen Name, Familie und Lebensgeschichte einst zu Tachov gehörten.
Die verwitterten Inschriften sind teilweise kaum noch lesbar. Gerade darin liegt jedoch die besondere Wirkung dieses Ortes. Die Zeit hat die Namen nicht vollständig ausgelöscht. Sie hat sie schwer lesbar gemacht, aber nicht zum Schweigen gebracht.
Quelle: Holocaust.cz: Jüdische Geschichte und Friedhöfe in Tachov | Památkový katalog der Tschechischen Republik
In Tachov existiert neben dem Alten jüdischen Friedhof an der Chodská-Straße auch ein Neuer jüdischer Friedhof. Dieser wurde 1933 südöstlich der historischen Anlage eingerichtet.
Der neue Friedhof wurde während des Zweiten Weltkriegs zu einem Ort eines grausamen Verbrechens. Im April 1945 wurden dort die Leichen von etwa 600 Häftlingen eines Transports vom Konzentrationslager Buchenwald in Richtung Flossenbürg verbrannt und beigesetzt. Heute erinnern dort ein Mahnmal und ein Gedenkbereich an die Opfer.
Die von mir fotografierte Anlage ist jedoch der Alte jüdische Friedhof von Tachov. Die beiden Orte müssen historisch klar voneinander getrennt werden.
Quelle: Stadt Tachov: Geschichte der Friedhöfe | Holocaust.cz: Tachov | Cimiterium: Historische Friedhöfe in Tachov
2026 habe ich den Alten jüdischen Friedhof in Tachov besucht und fotografiert. Schon nach wenigen Schritten wird deutlich, dass dieser Ort nicht von großen Ruinen lebt. Seine Wirkung entsteht durch die Dichte der Grabsteine, die alten Bäume und die vielen kaum noch lesbaren Inschriften.
Zwischen Moos, Efeu und Herbstlaub stehen die Grabmale eng beieinander. Manche sind reich verziert, andere schlicht und fast vollständig von der Zeit gezeichnet. Immer wieder entdecke ich hebräische Schrift, steinerne Ornamente und Spuren früherer Pflege.
Für mich ist der Alte jüdische Friedhof von Tachov deshalb ein besonders stiller Lost Place. Nicht, weil hier ein Gebäude leer steht, sondern weil eine ganze Gemeinschaft verschwunden ist. Die Fotografie bewahrt zumindest einen Teil dessen, was an diesem Ort noch sichtbar geblieben ist.
Falls Ihnen ein Foto ganz besonders gut gefällt und Sie einen Kunstdruck dessen erwerben möchten, können Sie dies im Lost Places Shop tun. Falls Sie Interesse an Fotografien für eine Dokumentation oder sonstige mediale Verwendung haben, schreiben Sie mir direkt eine E-Mail an info@lost-places.com.