Das Villaggio Balestrino ist der verlassene historische Ortskern der italienischen Gemeinde Balestrino. Enge Gassen, alte Wohnhäuser, Kirchen und eine mächtige Burg bilden eine Geisterstadt über der ligurischen Küste. Wegen schwerer Erdrutschgefahr mussten die Bewohner das alte Dorf verlassen und weiter unten einen neuen Ort errichten.
Balestrino liegt in der Provinz Savona im Hinterland der italienischen Riviera. Nur wenige Kilometer trennen das Bergdorf von der Küste der Riviera di Ponente.
Der heute bewohnte Teil der Gemeinde befindet sich unterhalb des historischen Ortskerns. Deshalb ist Balestrino keine vollständig verlassene Gemeinde. Lediglich das alte, auf dem Berghang gelegene Borgo Vecchio wurde aufgegeben.
Von außen wirkt das Geisterdorf noch immer wie ein zusammenhängender mittelalterlicher Ort. Zahlreiche Dächer, Fassaden und Kirchtürme sind erhalten, obwohl sich der Zustand der Gebäude seit Jahrzehnten verschlechtert.
Die Geschichte der Besiedlung reicht weit zurück. Über viele Jahrhunderte entwickelte sich Balestrino rund um die Burg der Familie Del Carretto, die den Ort zeitweise beherrschte.
Das Castello dei Del Carretto entstand im Mittelalter und wurde später mehrfach erweitert. Es überragt bis heute die Häuser des verlassenen Dorfes und prägt die gesamte Silhouette von Balestrino.
Unterhalb der Burg entstanden Wohnhäuser, kleine Plätze, Kirchen und schmale Gassen. Landwirtschaft und Handwerk bestimmten über lange Zeit das Leben der Bewohner.
Quelle: Pro Loco Balestrino: Das historische Geisterdorf
Der alte Ortskern wurde auf einem geologisch instabilen Hang errichtet. Wiederkehrende Erdrutsche und Bewegungen des Untergrunds beschädigten Straßen und Gebäude. Mit der Zeit wurde deutlich, dass die Sicherheit der Bewohner nicht dauerhaft gewährleistet werden konnte.
In den 1950er-Jahren begann die schrittweise Aufgabe des Dorfes. Anfang der 1960er-Jahre mussten schließlich auch die letzten Bewohner den gefährdeten Ortskern verlassen.
Etwas weiter unten entstand ein neues Balestrino auf stabilerem Untergrund. Die Bewohner nahmen dabei auch Teile ihres früheren Dorflebens mit. Selbst die Kirchenglocken wurden aus dem alten Ort in die neue Siedlung gebracht.
Quellen: Pro Loco Balestrino: Die Aufgabe des alten Dorfes | Idealista Italien: Balestrino und die Erdrutsche
Nach dem Umzug der Bevölkerung blieben Häuser, Geschäfte und religiöse Gebäude zurück. Ohne regelmäßige Instandhaltung setzte ein langsamer Verfall ein. Dächer stürzten ein, Fassaden bekamen Risse und Pflanzen breiteten sich zwischen den Mauern aus.
Dennoch ist die ursprüngliche Struktur des Dorfes bis heute gut erkennbar. Die Häuser stehen dicht an dicht am Hang. Treppen und schmale Wege führen zwischen ihnen hinauf zur Burg.
Wegen der anhaltenden Erdrutschgefahr und des schlechten Zustands der Gebäude ist der Zugang zum historischen Ortskern heute aus Sicherheitsgründen gesperrt.
Quelle: Pro Loco Balestrino: Zustand und Zugang zum Borgo Vecchio
Die märchenhafte Atmosphäre des verlassenen Dorfes weckte auch das Interesse der Filmindustrie. Für die Verfilmung von Cornelia Funkes Roman „Tintenherz“ wurde das alte Balestrino zu Capricorns Dorf.
Die Filmproduktion nutzte die engen Gassen, die historischen Gebäude und die umgebende Berglandschaft als Kulisse. Gefährdete Bereiche mussten zuvor gesichert werden, damit die Dreharbeiten im verlassenen Ortskern stattfinden konnten.
Der Fantasyfilm mit Brendan Fraser, Paul Bettany, Helen Mirren und Andy Serkis erschien 2008. Neben Balestrino dienten weitere Orte in Ligurien und im Piemont als Drehorte.
Quelle: Italy for Movies: Drehorte des Films Tintenherz
Der besondere Charakter von Balestrino entsteht durch den Kontrast zwischen der geschlossenen historischen Architektur und dem fortschreitenden Verfall. Aus der Entfernung wirkt das Dorf beinahe bewohnt. Erst aus der Nähe werden beschädigte Dächer, leere Fenster und einsturzgefährdete Mauern sichtbar.
Über allem erhebt sich die Burg der Del Carretto. Zusammen mit den Kirchen und dicht gestaffelten Wohnhäusern bildet sie ein außergewöhnliches Zeugnis der ligurischen Siedlungsgeschichte.
Ich fotografierte das Villaggio Balestrino im Jahr 2011. Besonders eindrucksvoll war für mich, dass der historische Ortskern noch vollständig als Dorf erkennbar war. Gleichzeitig herrschte in den leeren Gassen eine beinahe unwirkliche Stille.
Zwischen den Häusern zeigten sich überall die Folgen der instabilen Hanglage und des jahrzehntelangen Verfalls. Risse durchzogen die Wände, Pflanzen wuchsen in den Gebäuden und einzelne Dächer waren bereits eingestürzt.
Meine Fotografien dokumentieren Balestrino als einen Ort zwischen mittelalterlicher Architektur, Naturgewalt und Filmkulisse. Das verlassene Dorf gehört für mich zu den eindrucksvollsten Geisterstädten Italiens.
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