Die Villa Schöning in Vlotho, häufig auch Villa Vlotho genannt, war eine prachtvolle Fabrikantenvilla am Fuß des Amtshausbergs. Sie erinnerte an die Zeit, in der Vlotho ein bedeutendes Zentrum der deutschen Zigarrenindustrie war. Nach Jahrzehnten des Leerstands, mehreren Bränden und fortschreitendem Vandalismus wurde das ehemalige Wahrzeichen der Stadt 2013 abgerissen.
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert entwickelte sich Vlotho zu einem wichtigen Standort der Zigarrenproduktion. Der Hafen an der Weser erleichterte den Transport des Tabaks. Gleichzeitig entstanden im Stadtgebiet zahlreiche repräsentative Wohnhäuser erfolgreicher Zigarrenfabrikanten.
Die prächtigste dieser Villen ließ Willi Schöning, Neffe und Nachfolger des Firmengründers Friedrich Schöning, ab 1898 errichten. Der Entwurf stammte von dem Herforder Architekten Köster, der sich auf Fabrikgebäude und repräsentative Wohnhäuser spezialisiert hatte. Die Familie bezog das Haus im Jahr 1900.
Quellen: LWL – Vlotho als Zigarrenstadt und die Villa Schöning | Geschichte Vlotho – Die Villa Schöning
Die Villa lag weithin sichtbar am Hang des Amtshausbergs. Reisende, die mit der Bahn in Vlotho ankamen, erblickten das Gebäude unmittelbar nach ihrer Ankunft. Wegen ihrer Größe und ihrer auffälligen Architektur wurde sie von Einwohnern und Besuchern häufig mit einem Schloss verglichen.
Im Inneren verfügte die Fabrikantenvilla über 15 bewohnte Zimmer sowie zusätzliche Wirtschafts- und Nutzräume. Hohe Decken, aufwendig gestaltete Wandflächen, Deckengemälde, schwere Möbel und Kassettendecken unterstrichen den gesellschaftlichen Anspruch der Besitzerfamilie.
Nach dem Tod Willi Schönings im Jahr 1924 ließ sein Sohn Julius das Gebäude modernisieren. Decken wurden abgesenkt, offene Loggien geschlossen und die Raumaufteilung den damaligen Wohnvorstellungen angepasst.
Quelle: Geschichte Vlotho – Bau und Ausstattung der Villa
Die Familie Schöning bewohnte die Villa bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im Jahr 1945 musste sie das Gebäude innerhalb kurzer Zeit räumen.
Zunächst nutzten hochrangige Angehörige der US-Armee das Haus. Später lebten dort Mitglieder der britischen Besatzungsmacht. Im Jahr 1950 verließ das englische Rote Kreuz als letzte Einrichtung der Besatzungszeit die Villa.
Quellen: LWL – Geschichte der Villa Schöning | Geschichtswerkstatt Exter – Die Schöningsche Villa
Nach dem Ende der militärischen Nutzung wurde das Gebäude zu einem Altenheim umgebaut. Unter dem Namen Haus Schönblick fanden dort zahlreiche ältere Menschen ein neues Zuhause.
Später wechselten Betreiber und Eigentümer. Anfang der 1980er-Jahre wurde der Heimbetrieb endgültig geschlossen. Verschiedene Pläne für eine neue Nutzung, darunter der Umbau zu einer exklusiven Wohnanlage, wurden nicht verwirklicht.
Quellen: Geschichte Vlotho – Der Niedergang | Geschichtswerkstatt Exter
Seit 1987 stand die Villa vollständig leer. Ein Berliner Eigentümer erwarb das Anwesen 1988 und begann mit ersten Reparaturen. Die geplante Nutzung als Alterssitz wurde jedoch nicht umgesetzt.
Während des langen Leerstands drangen immer wieder Unbefugte in das Gebäude ein. Türen, Einrichtungsgegenstände und andere Bauteile verschwanden. Graffiti, Feuchtigkeit, kleinere Brände und mutwillige Zerstörungen beschleunigten den Verfall.
Auch die zunehmende Bewaldung des Grundstücks veränderte das Erscheinungsbild. Die einst weithin sichtbare Villa verschwand immer stärker hinter Bäumen und dichtem Unterholz.
Quelle: Geschichtswerkstatt Exter – Leerstand und Verfall
Anfang April 2011 musste die Feuerwehr mehrfach zur Villa Schöning ausrücken. Nach mehreren kleineren Feuern zerstörte ein Großbrand am 8. April 2011 den gesamten Dachstuhl.
Das Gebäude war anschließend akut einsturzgefährdet. Wegen des schlechten Zustands konnten die Löscharbeiten teilweise nur unter erheblicher Gefahr durchgeführt werden. Bei den Bränden wurde Brandstiftung vermutet.
Die Schäden galten schließlich als so schwer, dass der Villa der Denkmalschutz aberkannt wurde. Damit war der Weg für den Abriss des nicht mehr zu rettenden Gebäudes frei.
Quelle: Geschichtswerkstatt Exter – Brand und Verlust des Denkmalschutzes
Am 23. Juli 2013 begannen die Abrissarbeiten. Die Überreste der Villa wurden vollständig abgetragen und das Baumaterial direkt auf dem Grundstück getrennt.
Damit verschwand nicht nur ein bekannter Lost Place, sondern auch ein bedeutendes Zeugnis der Vlothoer Industrie- und Wohnkultur. Über mehr als ein Jahrhundert hatte die Villa den wirtschaftlichen Aufstieg, die Besatzungszeit, die soziale Nutzung und schließlich den Niedergang der einst bedeutenden Zigarrenindustrie begleitet.
Quelle: Geschichtswerkstatt Exter – Abriss im Juli 2013
Ich fotografierte die Villa Schöning im Jahr 2011, als das Gebäude noch am bewaldeten Hang über Vlotho stand. Zwischen den kahlen Ästen waren die aufwendig gegliederten Fassaden, hohen Fenster und historischen Verzierungen noch gut zu erkennen.
Gleichzeitig zeigte sich der jahrelange Leerstand deutlich. Fenster und Türen standen offen, Graffiti bedeckten Teile des Mauerwerks und die Natur hatte das Grundstück fast vollständig zurückerobert. Besonders eindrucksvoll war der Gegensatz zwischen der ehemals repräsentativen Architektur und dem bereits weit fortgeschrittenen Verfall.
Meine Fotografien bewahren den Zustand der Villa kurz vor dem zerstörerischen Großbrand und ihrem endgültigen Abriss. Heute existiert das Gebäude nicht mehr.
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