Lost Places Bilderarchiv –  außergewöhnliche und verlassene Orte weltweit

Lost Places Bilderarchiv –  außergewöhnliche und verlassene Orte weltweit

Ehemalige Türkische Botschaft Bonn: Abgerissene Botschaftsanlage in Mehlem

Die ehemalige Türkische Botschaft in Bonn war ein bemerkenswertes Bauensemble aus der Zeit der Bonner Republik. Die Kanzlei, die Residenz und mehrere Nebengebäude standen im Bonner Stadtteil Mehlem nahe dem Rhein. Ich besuchte die Anlage im Jahr 2010, als die Gebäude bereits leer standen und auf eine ungewisse Zukunft warteten. Zwei Jahre später wurden sämtliche Botschaftsgebäude abgerissen.

Eine türkische Botschaft in der Bonner Republik

Die Türkei eröffnete bereits am 6. März 1950 eine Gesandtschaft am damaligen Regierungssitz Bonn. Nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen wurde die Gesandtschaft im Jahr 1951 in eine Botschaft umgewandelt. Spätestens ab 1954 befand sich die türkische Vertretung im diplomatisch geprägten Bad Godesberg.

Mit der wachsenden Bedeutung Bonns als Regierungssitz entstand in den 1960er Jahren der Plan für ein eigenes Botschaftsensemble. Die Planung begann 1964. Mit dem Entwurf wurde der türkische Architekt Vedat Özsan beauftragt, der sowohl in Bonn als auch in Ankara tätig war.

Quellen: Wikipedia: Botschaft der Republik Türkei in Bonn | KuLaDig: Auslandsvertretungen im Bonner Regierungsviertel

Neubau und Einweihung

Die Bauausführung begann 1965 und dauerte bis Ende 1967. Nach der Fertigstellung des Rohbaus wurden jedoch Baumängel festgestellt. Eine längere Baupause und notwendige Stabilisierungsarbeiten verzögerten die Nutzung des Ensembles. Die Kanzlei und die Residenz konnten schließlich Ende Oktober 1969 bezogen werden.

Die offizielle Einweihung der neuen Botschaftsgebäude fand am 5. Juli 1970 statt. Von diesem Zeitpunkt an verfügte die Türkei in Bonn über eine repräsentative Anlage, die Verwaltung, diplomatische Repräsentation und den privaten Wohnbereich des Botschafters miteinander verband.

Quelle: Wikipedia: Botschaft der Republik Türkei in Bonn

Lage und heutiger Zustand

Das historische Kanzleigebäude lag an der Utestraße 47 an der Ecke zur Gernotstraße 5 im Bonner Stadtteil Mehlem. Die Residenz befand sich an der Gernotstraße an der Ecke zur Rüdigerstraße. Die historischen Koordinaten des ehemaligen Botschaftsareals lauten 50.664545, 7.190896.

Nach dem Umzug der türkischen Botschaft nach Berlin im Sommer 1999 standen die Gebäude leer. Im Frühjahr 2012 wurde das gesamte Grundstück von einem Projektentwickler erworben. Der Abriss der Kanzlei, der Residenz und der Nebengebäude begann Mitte Oktober 2012. Ab dem Frühjahr 2013 entstanden auf dem Grundstück neue Wohngebäude.

Die Türkische Botschaft in Bonn ist damit ein verschwundener Lost Place. Heute erinnern nur noch historische Aufnahmen und schriftliche Quellen an das ehemalige Ensemble.

Quellen: Wikipedia: Botschaft der Republik Türkei in Bonn | Kölner Stadt Anzeiger: Aus der Botschaft wird ein Gästehaus

Ein Ensemble aus Kanzlei und Residenz

Die Anlage bestand aus einem dreigeschossigen Kanzleigebäude mit ausgebautem Souterrain, einem zweigeschossigen Residenzgebäude mit zurückgesetztem Obergeschoss sowie einem Nebengebäude mit drei Apartments. Alle Baukörper waren als flachgedeckte Stahlbetonkonstruktionen ausgeführt.

Travertin, dunkles Naturholz und große Fensterflächen bestimmten das Erscheinungsbild. Das Kanzleigebäude bestand aus zwei versetzten kubischen Baukörpern, die durch einen Verbindungsgang miteinander verbunden waren. Die Nutzfläche der Kanzlei betrug rund 2.262 Quadratmeter. Die Residenz verfügte über etwa 2.050 Quadratmeter Nutzfläche.

Die Residenz war besonders repräsentativ gestaltet. Breite Betonflächen, auskragende Dachkanten, eine Dachterrasse und ein von vier Pfeilern getragener Eingangsbereich prägten den Bau. Die Bronzetüren des Eingangs waren mit einer Darstellung des Ägyptisch Hethitischen Friedensvertrags versehen. Sie wurden vor dem Abriss nach Berlin gebracht.

Quelle: Wikipedia: Gebäude und Architektur der Türkischen Botschaft in Bonn

Travertin, Holz und geometrische Decken

Die Innenräume wirkten großzügig und repräsentativ. Helle Travertinflächen bedeckten Böden, Treppen und Wände. Dunkle Holzgeländer führten über mehrere Ebenen und bildeten einen starken Kontrast zu den hellen Natursteinflächen.

Besonders auffällig waren die geometrisch gestalteten Decken. Die regelmäßigen Platten mit ihren kleinen quadratischen Öffnungen verliehen den Räumen ein außergewöhnliches Erscheinungsbild. Zusammen mit den hohen Fenstern, den Vorhängen und den offenen Galerieflächen entstand eine Architektur, die deutlich über eine gewöhnliche Verwaltungsnutzung hinausging.

Die verlassenen Räume

Während meines Besuchs war die Botschaft vollständig verlassen. Die großen Empfangsbereiche standen leer. Auf den Böden lagen Staub und einzelne zurückgelassene Gegenstände. Dennoch waren die ursprünglichen Materialien und die aufwendige Gestaltung noch sehr gut zu erkennen.

Treppen, Galerien und offene Ebenen verbanden die einzelnen Bereiche miteinander. Dadurch entstand ein fast öffentlicher Charakter, obwohl das Gebäude bereits seit Jahren nicht mehr genutzt wurde. Die Räume wirkten wie eine Mischung aus Verwaltungsbau, Empfangsbereich und privater Residenz.

Türkische Spuren im Gebäude

Im Inneren fanden sich zahlreiche Hinweise auf die frühere Nutzung. Dazu gehörten türkische Zeitungen, religiöse Kalender, Gebetszeitentafeln und verschiedene Schriftstücke. Besonders auffällig war ein Kalender des Diyanet İşleri Başkanlığı mit türkischer Flagge und dem Datum 3. September 1999.

Auch offizielle Dokumente und handschriftliche Notizen lagen noch in den Räumen. Einige Schriftstücke waren in türkischer Sprache verfasst und vermittelten einen unmittelbaren Eindruck vom Arbeitsalltag der ehemaligen Botschaft.

Diese zurückgelassenen Dinge machten den Ort besonders authentisch. Es waren keine dekorativen Gegenstände, sondern echte Spuren aus dem täglichen Betrieb einer diplomatischen Vertretung.

Leerstand und gescheiterter Denkmalschutz

Nach dem Umzug nach Berlin im Jahr 1999 blieb die Immobilie zunächst im Besitz der Republik Türkei. Teile der wertvollen Ausstattung wurden später nach Berlin gebracht. Die Gebäude selbst standen jedoch weiterhin leer.

Im Jahr 2005 wurde beantragt, die Anlage als gebautes Dokument der alten Bundesrepublik unter Denkmalschutz zu stellen. Die Stadt Bonn folgte diesem Antrag nicht. Im Jahr 2009 wurde der Abriss der ehemaligen Residenz genehmigt. Eine langfristige Erhaltung des gesamten Ensembles konnte damit nicht erreicht werden.

Mit dem Verkauf im Jahr 2012 endete die Geschichte der Botschaft in Mehlem endgültig. Die spätere Neubebauung übernahm zwar die rechtwinklige Anordnung der ehemaligen Gebäude, die ursprüngliche Architektur und ihre Innenräume gingen jedoch vollständig verloren.

Quellen: Wikipedia: Geschichte der Türkischen Botschaft in Bonn | Kölner Stadt Anzeiger: Ehemalige Botschaften in Bad Godesberg

Ein verlorenes Stück Bonner Diplomatie

Die ehemalige Türkische Botschaft war mehr als ein leer stehendes Verwaltungsgebäude. Sie stand für die engen Beziehungen zwischen der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland und für die Zeit, in der Bonn das politische Zentrum Westdeutschlands war.

Ihre Architektur verband moderne Formen der 1960er Jahre mit repräsentativen Materialien und gestalterischen Elementen aus der türkischen Kultur. Gerade dieser Kontrast machte die Anlage so besonders. Mit dem Abriss verschwand ein bedeutendes Beispiel der Botschaftsarchitektur der Bonner Republik.

Mein Besuch 2010

Als ich die ehemalige Türkische Botschaft im Jahr 2010 besuchte, war sie bereits verlassen. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, einen gewöhnlichen Bürokomplex zu betreten. Die Travertinflächen, die dunklen Holzgeländer, die großen Fenster und die außergewöhnlichen Decken verliehen den Innenräumen eine ganz eigene Atmosphäre.

Besonders eindrucksvoll waren die zurückgelassenen türkischen Zeitungen, Gebetskalender und Dokumente. Sie machten die Geschichte des Ortes unmittelbar sichtbar. Heute ist die gesamte Anlage verschwunden. Umso wichtiger sind die Aufnahmen, die diesen außergewöhnlichen Ort vor seinem Abriss festhalten.

Atmosphere / Atmosphäre
29%
Risk / Gefahr
0%
Vandalism / Vandalismus
7%
Decay / Verfall
13%

Germany, visited in 2010

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