Lost Places Bilderarchiv –  außergewöhnliche und verlassene Orte weltweit

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Sinteranlage Duisburg-Meiderich: Verlassener Lost Place der Stahlindustrie

Die ehemalige Sinteranlage Duisburg lag an der Helmholtzstraße im Dreieck der Stadtteile Beeck, Meiderich und Ruhrort. Zwischen 1957 und 1983 wurde hier Sinter für die Hochöfen der Hüttenwerke Ruhrort produziert. Nach mehreren Teilrückbauten begann 2015 der endgültige Abbruch. Am 11. Dezember 2015 wurde die entkernte Maschinenhalle gesprengt. Meine Fotografien dokumentieren den imposanten Lost Place im Zeitraum von 2006 bis 2010, lange bevor die Anlage vollständig aus dem Stadtbild verschwand.

Quellen: Industriedenkmal, Sinteranlage Duisburg Meiderich / Beeck | WAZ, Sprengung der Sinteranlage

Wozu diente die Sinteranlage?

In einer Sinteranlage werden feinkörnige Erze für den Hochofen vorbereitet. Feinerze, Gichtstaub, Rückgut, Koksgrus, Feinkohle und Wasser wurden miteinander vermischt und auf einem Sinterband erhitzt. Dabei verbanden sich die einzelnen Bestandteile zu größeren, porösen Stücken. Dieses Verfahren verhinderte, dass lose Feinerze den Hochofen verstopften.

Der fertige Sinter wurde anschließend gebrochen, gesiebt und abgekühlt. Feinanteile und Staub wurden als Rückgut erneut in den Prozess eingespeist. Der Sinter gelangte danach über Förderbänder und Werksbahnen zu den Hochöfen, wo er bei der Roheisenerzeugung eingesetzt wurde.

Quellen: Auferstanden aus Ruinen, technische Beschreibung der Sinteranlage | Industriedenkmal, Funktion des Sinterverfahrens

Bau und Entstehung ab 1957

Die Anlage wurde von der damaligen Phoenix-Rheinrohr AG Vereinigte Hütten- und Röhrenwerke für das Hochofenwerk Duisburg-Ruhrort errichtet. Nach ungefähr zwei Jahren Bauzeit gingen das erste Sinterband im Mai 1957 und das zweite Sinterband im Juli 1957 in Betrieb. Zwei Jahre später wurde die Anlage nochmals erweitert. 1964 übernahm die August Thyssen-Hütte AG Phoenix-Rheinrohr und damit auch die Produktionsanlagen in Ruhrort, Beeck und Meiderich.

Die Dimensionen des Bauprojekts waren für die damalige Zeit beachtlich. Für die Stahlkonstruktion wurden rund 8.000 Tonnen Stahl eingesetzt, für die Maschinen weitere 3.700 Tonnen. Außerdem wurden etwa 32.000 Kubikmeter Beton sowie rund 21.000 Quadratmeter Stahlbetondecken und Sohlplatten verbaut. Die historische Werksbeschreibung nennt Baukosten von ungefähr 40 Millionen D-Mark.

Quellen: Auferstanden aus Ruinen, historische Werksbeschreibung | Industriedenkmal, Hüttenwerke Ruhrort-Meiderich

Produktion und technische Leistung

Die Sinteranlage produzierte bis zu 4.000 Tonnen abgesiebten Sinter pro Tag. Rund 100 Beschäftigte arbeiteten in drei Schichten. Für Wartung und Reparaturen waren unter anderem 36 Schlosser und 15 Elektriker zuständig. Die Rohstoffe konnten in 20 Spitzbunkern mit jeweils etwa 175 Kubikmetern Fassungsvermögen zwischengelagert werden. Zusätzlich verfügte die Anlage über ein Lager mit einer Kapazität von ungefähr 200.000 Tonnen.

Die historische Technikbeschreibung nennt zwei Bandsintermaschinen mit einer geplanten Monatsleistung von 120.000 Tonnen. Ein rund 160 Meter langes Förderband überwand dabei einen Höhenunterschied von etwa 45 Metern. Die Sinterbänder waren jeweils ungefähr 2,5 Meter breit und 44 Meter lang. Nach dem Brennvorgang wurde das Material auf einem etwa 72 Meter langen Kühlband von ungefähr 800 bis 1.000 Grad Celsius auf rund 100 bis 150 Grad Celsius heruntergekühlt.

Die gesamte Anlage bestand aus einem weitläufigen Stahlskelettkomplex mit ungefähr 170.000 Kubikmetern umbautem Raum. Die erhaltenen Gebäudeteile, Förderbänder, Rohrleitungen, Silos und Maschinen machten den Ort später zu einem der markantesten Lost Places der Duisburger Stahlindustrie.

Quellen: Industriedenkmal, Produktionsleistung und Areal | Auferstanden aus Ruinen, technische Werksbeschreibung

Stilllegung und Nutzung bis 1995

Im Sommer 1983 wurde die Produktion eingestellt. Hintergrund war vor allem die internationale Stahlkrise. Der Thyssen-Konzern konzentrierte die Roheisen- und Stahlproduktion zunehmend am technisch günstigeren Standort der August-Thyssen-Hütte in Hamborn.

Das Gelände wurde jedoch nicht sofort vollständig aufgegeben. Bis 1995 nutzte eine Schlackeaufbereitungsfirma Teile des Areals. Hochofenschlacke wurde dort weiterverarbeitet und unter anderem im Straßenbau eingesetzt. Nach dem Ende dieser Nutzung wurden Maschinen und Anlagenteile teilweise entfernt. Die verbliebenen Gebäude verfielen, während Korrosion, Vandalismus und der Diebstahl von Kabeln und Metallteilen die Bausubstanz zusätzlich schädigten.

Auf dem rund 31 Hektar großen Gelände entwickelte sich über viele Jahre eine außergewöhnliche Industriekulisse. Zwischen Wohnbebauung, Vegetation, Backsteinfassaden, Stahlkonstruktionen und riesigen Maschinen entstand ein Ort, der vor allem für Fotografen und Industriekulturinteressierte von großer Bedeutung war.

Quellen: Industriedenkmal, Stilllegung und spätere Nutzung | urbex.nl, Zustand nach der Aufgabe

Gefahren und Beginn des Rückbaus

Mit zunehmendem Verfall wurde die Anlage immer gefährlicher. Korrodierte Treppen, teilweise demontierte Laufstege, offene Schächte und herabfallende Bauteile machten das Gelände zu einem erheblichen Sicherheitsrisiko. Im Jahr 2013 kam es zu einem tödlichen Unfall, als eine 15-Jährige auf einem teilweise demontierten Verbindungssteg den Halt verlor und in die Tiefe stürzte.

Für den Rückbau wurden deshalb umfangreiche Untersuchungen durchgeführt. Dazu gehörten die Erfassung schadstoffhaltiger Baustoffe und Produktionsreste, die Untersuchung des Bodens, die Ermittlung der Stahlmengen sowie ein Arbeitsschutzkonzept für die Abbrucharbeiten. Seit 2011 war dafür ein Abbruch- und Entsorgungskonzept vorbereitet worden.

Quellen: Industriedenkmal, Unfall und Sicherheitslage | Auferstanden aus Ruinen, Abbruch- und Entsorgungskonzept | HYDR.O. Geologen und Ingenieure

Die Sprengung im Dezember 2015

Der Rückbau begann im Oktober 2015. Am 11. Dezember 2015 wurde die entkernte Maschinenhalle gesprengt. Für die Sprengung des etwa 50 Meter hohen Gebäudes wurden laut den veröffentlichten Berichten rund 26 bis 27 Kilogramm Sprengstoff in ungefähr 80 Schneidladungen eingesetzt. Um 14 Uhr stürzte die Stahlkonstruktion innerhalb weniger Sekunden ein.

Hinter der Backsteinfassade sollen sich bis zu 5.000 Tonnen Stahl befunden haben. Die Sprengung betraf die große Maschinenhalle und nicht das gesamte Areal in einem einzigen Schritt. Der 121 Meter hohe Kamin, die Kaue und ein weiterer Gebäudeteil blieben zunächst noch stehen und wurden Ende 2015 ebenfalls beseitigt.

Quellen: WAZ, Sinteranlage gesprengt | Auferstanden aus Ruinen, Sprengung und Rückbau | WAZ, Rückbau der alten Sinteranlage

Nicht zu verwechseln mit dem Landschaftspark Duisburg-Nord

Die ehemalige Sinteranlage an der Helmholtzstraße wird häufig mit der erhaltenen Sinteranlage im Landschaftspark Duisburg-Nord verwechselt. Dabei handelt es sich um zwei unterschiedliche Bereiche. Die hier fotografierte Anlage lag zwischen Beeck, Meiderich und Ruhrort und wurde 2015 vollständig zurückgebaut.

Im Landschaftspark Duisburg-Nord befindet sich dagegen ein anderer erhaltener Teil des ehemaligen Thyssen-Hüttenwerks. Dieses Werk wurde 1985 geschlossen und anschließend als öffentlich zugänglicher Landschaftspark entwickelt. Die dortige Sinteranlage liegt hinter den Möllerbunkern an der Alten Emscher und ist bis heute Bestandteil der Industriekulisse des Parks.

Quelle: Industriekultur im Ruhrgebiet, Landschaftspark Duisburg-Nord

Heutige Situation und geplante Nachnutzung

Von der fotografierten Sinteranlage ist heute kein begehbarer Gebäudekomplex mehr erhalten. Im November 2021 wurde berichtet, dass die Anlage an der Helmholtzstraße vollständig zurückgebaut war und die Stadt Duisburg die verbliebene Industriebrache übernehmen wollte.

Als langfristige Perspektive wurde eine Nutzung als grüne Ausgleichsfläche für den IKEA-Standort sowie eine Erweiterung des Landschaftsparks Duisburg-Meiderich um rund 31 Hektar genannt. Da die verfügbaren Quellen diese Erweiterung als Planung beziehungsweise Ziel beschreiben, formuliere ich bewusst nicht, dass sie bereits vollständig umgesetzt wurde.

Quellen: WAZ, Nach dem Rückbau | WAZ, mögliche Parkerweiterung | Industriedenkmal, geplante Ausgleichsfläche

Mein Besuch 2006 bis 2010

Ich habe die ehemalige Sinteranlage im Zeitraum von 2006 bis 2010 mehrfach fotografiert. Damals war der große Stahlkomplex trotz Stilllegung noch weitgehend als zusammenhängende Industrieanlage erhalten. Zwischen den Backsteinfassaden, Förderbändern, Treppen, Rohrleitungen und Maschinen zeigte sich eindrucksvoll, wie viele unterschiedliche Ebenen und Arbeitsabläufe in einem Hüttenwerk miteinander verbunden waren.

Die Fotografien dokumentieren einen Zustand, der heute vollständig verschwunden ist. Die Aufnahmen zeigen nicht nur eine verlassene Fabrik, sondern ein wichtiges Zeugnis der Duisburger Stahlgeschichte, das durch den Strukturwandel, den Verfall und den anschließenden Rückbau unwiederbringlich verloren ging.

Atmosphere / Atmosphäre
39%
Risk / Gefahr
30%
Vandalism / Vandalismus
69%
Decay / Verfall
61%

Germany, visited in 2006

Falls Ihnen ein Foto ganz besonders gut gefällt und Sie einen Kunstdruck dessen erwerben möchten, können Sie dies im Lost Places Shop tun. Falls Sie Interesse an Fotografien für eine Dokumentation oder sonstige mediale Verwendung haben, schreiben Sie mir direkt eine E-Mail an info@lost-places.com.

Demolished 2015

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