Die Merkur-Glühlampenfabrik in Soest gehörte zu den traditionsreichsten Lampenherstellern Deutschlands. Von 1908 bis in die 1990er-Jahre wurden auf dem Gelände unterschiedliche Glühlampen und Spezialleuchten produziert.
Nach dem Ende der Fertigung standen die Fabrikgebäude viele Jahre leer. Als ich das Merkur-Werk im Jahr 2010 fotografierte, waren die Produktionshallen bereits vom Verfall gezeichnet. Inzwischen wurde das Gelände zu den Merkurhöfen weiterentwickelt.
Die jüdischen Brüder Julius und Siegmund Rosenthal kamen 1908 aus Berleburg nach Soest. Noch im selben Jahr gründeten sie die Merkur-Glühlampenfabrik und ließen den ersten Teil des Fabrikgebäudes errichten.
Der Bau entstand im klassischen Fabrikstil mit Elementen des Jugendstils. Anfangs beschäftigte das Unternehmen lediglich zehn Personen, überwiegend Frauen. Julius Rosenthal leitete den kaufmännischen Bereich, während Siegmund Rosenthal für die technische Entwicklung verantwortlich war.
Bereits 1910 ließ die Firma ein Wohnheim für ihre jungen Mitarbeiterinnen errichten. Später kam eine betriebliche Pensionskasse hinzu.
Quellen: Soester Anzeiger: Merkur stellte 70 Jahre lang Glühlampen her | Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Geschichte der Merkur-Fabrik
Das Unternehmen überstand den Ersten Weltkrieg und die anschließende Inflation. Zu Beginn der 1920er-Jahre modernisierten die Eigentümer die Produktion und stellten auf neuere Lampentechnologien um.
Ab 1924 fertigte Merkur luftleere Metalldrahtlampen. Wenige Jahre später folgten Lampen mit Einfachwendeldraht. Im Jahr 1935 wurde das Werk um ein weiteres Produktionsgebäude mit eigener Stromerzeugungsanlage erweitert. Dort entstanden moderne Doppelwendellampen.
Die baulichen Erweiterungen veränderten auch das Erscheinungsbild der Fabrik. Der ursprüngliche Jugendstilgiebel wurde beim Umbau von 1935 weitgehend überformt. In den 1950er-Jahren kam ein weiterer Gebäudeteil im Stil der Nachkriegsarchitektur hinzu.
Quellen: Soester Anzeiger: Entwicklung der Lampenproduktion | Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Baugeschichte der Fabrik
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gerieten die jüdischen Eigentümer zunehmend unter Druck. Im November 1938 beschlagnahmte die Gestapo die Merkur-Werke und das private Vermögen der Familie Rosenthal.
Julius Rosenthal und seine Frau flohen in die Schweiz. Der Firmengründer starb am 1. Januar 1939 in Basel. Das Werk wurde anschließend im Zuge der nationalsozialistischen Enteignungspolitik an neue Eigentümer verkauft.
Während des Zweiten Weltkriegs galt die Lampenproduktion als kriegswichtig. Im Werk wurden außerdem Zwangsarbeiter eingesetzt. Trotz Bombardierungen konnte die Produktion nach Kriegsende vergleichsweise schnell wieder aufgenommen werden.
Quellen: Soester Anzeiger: Enteignung der Familie Rosenthal | Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Merkur während der NS-Zeit
Nach dem Krieg beantragte Julius Rosenthals Sohn Kurt-Rudolf die Rückgabe des Unternehmens. Im Jahr 1951 wurde ihm das Merkur-Werk im Rahmen eines Wiedergutmachungsverfahrens zugesprochen.
Die folgenden Jahre gehörten zu den erfolgreichsten der Firmengeschichte. Im Jahr 1958 war Merkur die viertgrößte Glühlampen-Produktionsstätte der Bundesrepublik. Mehr als 200 Beschäftigte arbeiteten damals in dem Soester Werk.
Neben gewöhnlichen Glühlampen stellte Merkur verschiedene Spezialprodukte her. Dazu gehörten dekorative Leuchten, Lampen für besondere Spannungen und Signallampen für den Straßenverkehr.
Quellen: Soester Anzeiger: Wiederaufstieg der Merkur-Werke | LWL-Medienzentrum: Merkur-Glühlampenfabrik in Soest
Ab der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre geriet das Unternehmen wirtschaftlich unter Druck. Internationale Konkurrenz und Veränderungen auf dem Markt erschwerten die Produktion. Im Jahr 1967 stand die Firma kurz vor dem Konkurs und wurde anschließend verkauft.
Die Herstellung von Glühlampen wurde in Soest noch bis in die 1990er-Jahre fortgeführt. Danach zog das Unternehmen nach Hamm. Die Fabrik an der Niederbergheimer Straße verlor ihre ursprüngliche Funktion und stand über viele Jahre leer.
Vandalismus, eindringende Feuchtigkeit und fehlende Instandhaltung beschädigten die Hallen. Trotzdem blieben die charakteristischen Backsteinfassaden und viele Spuren der industriellen Nutzung erhalten.
Quellen: Soester Anzeiger: Niedergang des Glühlampenwerks | Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Produktionsende und Leerstand
Im Jahr 2014 wurde das historische Fabrikgebäude unter Denkmalschutz gestellt. Damit war ein vollständiger Abriss verhindert. Gleichzeitig begann die Suche nach einer wirtschaftlich tragfähigen Nutzung für das Gelände.
Ein von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz initiierter Wettbewerb beschäftigte sich mit der Frage, wie das Industriedenkmal erhalten und in ein neues Stadtquartier integriert werden könnte.
Ab 2019 begann die bauliche Entwicklung der Merkurhöfe. Auf dem ehemaligen Fabrikgelände entstanden Wohnungen, medizinische Einrichtungen, Arbeitsbereiche und Gewerbeflächen. Historische Teile der Glühlampenfabrik wurden in das neue Quartier einbezogen.
Damit endete die Zeit der Merkur-Glühlampenfabrik als Lost Place. Die erhaltene Industriearchitektur erinnert weiterhin an die mehr als acht Jahrzehnte dauernde Produktion von Glühlampen in Soest.
Quellen: Soester Anzeiger: Entwicklung der Merkurhöfe | Merkurhöfe: Heutige Nutzung des Geländes
Als ich die Merkur-Glühlampenfabrik 2010 fotografierte, befand sich das Werk bereits seit vielen Jahren im Stillstand. Leere Produktionshallen, alte Maschinenreste und beschädigte Fenster erinnerten an die industrielle Vergangenheit.
Besonders eindrucksvoll war die Verbindung aus rotem Backstein, großen Fensterflächen und den Spuren jahrzehntelanger Nutzung. Licht fiel durch zerbrochene Scheiben in die verlassenen Arbeitsbereiche, in denen früher täglich Tausende Lampen entstanden.
Meine Fotografien dokumentieren das Merkur-Werk vor seiner Umwandlung in die Merkurhöfe. Sie bewahren den Zustand eines Soester Industriedenkmals während seiner Zeit als verlassene Fabrik.
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