Das Alte Krematorium auf Friedhof III in Dessau-Roßlau ist eine ehemalige Feuerbestattungsanlage aus dem Jahr 1910. Als ich das Gebäude 2011 fotografierte, trafen hier monumentale Architektur, erhaltene Krematoriumstechnik und jahrzehntelanger Leerstand unmittelbar aufeinander. Die Galerie dokumentiert meinen damaligen Besuch und nicht automatisch den heutigen Zustand des Gebäudes.
Quellen: Wikipedia: Altes Krematorium Dessau | Denkmalverzeichnis Dessau-Roßlau
Die Grundsteinlegung für das Krematorium erfolgte 1909. Bereits am 18. Mai 1910 wurde die Anlage eingeweiht. Verantwortlich für den Bau war der Berliner Architekt William Müller, der zuvor Schüler von Alfred Messel und Mitarbeiter von Ludwig Hoffmann gewesen war.
Die Feuerbestattung war zu dieser Zeit noch eine vergleichsweise junge und gesellschaftlich umstrittene Form des Abschieds. Das Dessauer Krematorium sollte dieser neuen Bestattungskultur einen würdevollen architektonischen Rahmen geben. Direkt hinter dem Gebäude entstand außerdem der erste Urnenfriedhof der Stadt, von dem bis heute Teile erhalten sind.
Quellen: Wikipedia: Altes Krematorium Dessau | Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof: Wenn das Feuer erlischt
Von außen wirkt das Gebäude beinahe wie eine sakrale Anlage. Eine breite Freitreppe führt zum erhöhten Eingangsbereich. Der zentrale Baukörper besitzt eine markante polygonale Form, hohe Fenster und einen aufwendig gestalteten steinernen Eingang mit ornamentalen Verzierungen.
Der repräsentative Charakter steht heute in starkem Kontrast zum Zustand des Gebäudes. Verwitterte Fassaden, überwucherte Treppen, abgeplatzter Putz und beschädigte Bauteile zeigen, wie lange der Bau bereits ohne reguläre Nutzung ist. Die frühere Würde des Ortes ist trotzdem noch deutlich erkennbar.
Quellen: Wikipedia: Altes Krematorium Dessau | Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof: Wenn das Feuer erlischt | Denkmalverzeichnis Dessau-Roßlau
Nach der Eröffnung wurden in Dessau bis in die 1990er Jahre mehr als 100.000 Verstorbene eingeäschert. Mit steigenden Einäscherungszahlen reichten die ursprünglichen Räume bald nicht mehr aus. In den 1930er Jahren wurde deshalb ein rückwärtiger Anbau mit Büros, Aufzug und Lagerflächen errichtet.
Auch die seitlichen Säulengänge wurden teilweise geschlossen und zu zusätzlichen Kühlräumen umgebaut. Für die Anlieferung mit Fahrzeugen entstand eine Laderampe. Im untersten Kellergeschoss produzierte eine Eismaschine Kühleis für die Leichenkühlung. Das Eis wurde zeitweise sogar an Dritte verkauft.
Quellen: Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof: Wenn das Feuer erlischt | Wikipedia: Altes Krematorium Dessau
Die historische Anlage blieb mehr als acht Jahrzehnte in Betrieb. Die Stadt Dessau nennt insgesamt 126.472 Einäscherungen bis zur Schließung im Juni 1993. Danach übernahm ein neues Krematorium auf dem Zentralfriedhof die Aufgabe der Feuerbestattung. Dieses wurde 1994 in Betrieb genommen und 2000 beziehungsweise 2001 umfassend umgebaut.
Nach der Stilllegung wurde das alte Krematorium zum Schutz vor Vandalismus teilweise zugemauert. Die frühere Trauerhalle war bereits in den 1980er Jahren geschlossen worden. Auch die hydraulische Versenkungsanlage, mit der der Sarg in den technischen Bereich abgesenkt wurde, wurde damals demontiert.
Quellen: Stadt Dessau-Roßlau: Friedhofsentwicklung und altes Krematorium | Stadtpflege Dessau-Roßlau: Friedhofswesen | Wikipedia: Altes Krematorium Dessau
Im Inneren sind zahlreiche Spuren der früheren Nutzung erhalten geblieben. Zu sehen sind unter anderem Teile der Y-förmig angelegten Etagenöfen, technische Stellhebel, alte Schalttafeln, Druckanzeigen und der Einführwagen, der über ein Drehkreuz-Schienensystem bewegt wurde.
Besonders eindrucksvoll sind die technischen Details im unteren Bereich des Gebäudes. Alte Fliesen, rostige Bedienfelder, Aschebehälter, Schamotte-Marken und Reste der Aschemühle erzählen von einem Arbeitsablauf, der über Jahrzehnte zum Alltag des Krematoriums gehörte. Heute wirken diese Relikte wie eingefrorene Bestandteile einer vollständig verschwundenen Arbeitswelt.
Quellen: Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof: Wenn das Feuer erlischt | Modernruins: Krematorium Dessau
Hinter dem Krematorium wurde bereits 1910 ein eigener Urnenfriedhof angelegt. Teile dieses historischen Urnenhains sind noch vorhanden. In meinen Aufnahmen sind überwucherte Grabmale, verwitterte Inschriftentafeln und steinerne Fragmente zwischen Efeu und Bäumen zu sehen.
Der Urnenhain gehört damit unmittelbar zur Geschichte des Krematoriums. Seit 2014 kümmern sich Mitglieder des Vereins für Anhaltische Landeskunde gemeinsam mit der städtischen Friedhofsverwaltung um die Beseitigung von Wildwuchs und Unrat. Ziel ist es, diesen kaum bekannten Teil der Dessauer Erinnerungskultur wieder sichtbar zu machen.
Quellen: Wikipedia: Altes Krematorium Dessau | Visit Dessau: Führung über den Urnenhain
Das Alte Krematorium steht heute als Baudenkmal unter dem Schutz des Denkmalschutzgesetzes von Sachsen-Anhalt. Gleichzeitig ist die Anlage seit Jahrzehnten ungenutzt. Eine dauerhaft tragfähige Nachnutzung ist öffentlich weiterhin nicht abschließend geklärt.
In einer Sitzung des Dessauer Ausschusses im Jahr 2023 erklärte die Stadt, dass das alte Krematorium aktuell keine Priorität in der Bearbeitung habe. Ein Architekturprojekt der Hochschule Karlsruhe beschäftigte sich ebenfalls mit dem verlassenen Gebäude und entwickelte die Idee eines zeitgemäßen Ortes des Abschieds. Eine gesicherte Sanierung oder konkrete Umsetzung dieser Idee ist daraus jedoch nicht entstanden.
Meine Bilder zeigen den Zustand von 2011. Sie sind deshalb als historische Dokumentation zu verstehen. Wie viele Details heute noch vorhanden sind, kann sich durch Witterung, Vandalismus oder Sicherungsmaßnahmen verändert haben.
Quellen: Wikipedia: Altes Krematorium Dessau | Stadt Dessau-Roßlau: Niederschrift vom 14. September 2023 | Hochschule Karlsruhe: Passage
2011 habe ich das Alte Krematorium auf Friedhof III fotografiert. Besonders beeindruckt hat mich der Gegensatz zwischen dem würdevollen Eingangsbereich und den völlig verfallenen technischen Räumen im Inneren.
Zwischen alten Schalttafeln, Ofenanlagen, Schamotte-Marken und überwucherten Grabmalen wurde die Geschichte dieses Ortes unmittelbar sichtbar. Für mich ist das Krematorium deshalb nicht einfach nur ein Lost Place, sondern ein technisches und gesellschaftliches Denkmal, das vom Wandel unserer Bestattungskultur erzählt.
Da dieser Ort nicht offiziell zu besichtigen ist, darf ich keinen genauen Standort im Internet veröffentlichen. Ich bitte um Verständnis.
This place is not officially open for visitors, I am not allowed to publish the exact coordinates or give out any information. I ask for your understanding.
Falls Ihnen ein Foto ganz besonders gut gefällt und Sie einen Kunstdruck dessen erwerben möchten, können Sie dies im Lost Places Shop tun. Falls Sie Interesse an Fotografien für eine Dokumentation oder sonstige mediale Verwendung haben, schreiben Sie mir direkt eine E-Mail an info@lost-places.com.