Lost Places Bilderarchiv –  außergewöhnliche und verlassene Orte weltweit

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Enka-Werke Kelsterbach: Geschichte der Glanzstofffabrik

Die Enka-Werke in Kelsterbach, vielen Einwohnern noch als Glanzstoff bekannt, gehörten zu den wichtigsten Industrieanlagen der Stadt. Auf dem rund 14,5 Hektar großen Gelände wurden fast ein Jahrhundert lang Kunstseide und Viskosegarne hergestellt. Nach der Schließung im Jahr 2000 verschwanden fast alle Produktionsgebäude. Meine Fotografien dokumentieren das ehemalige Werk während des Umbruchs im Jahr 2010.

Von der Waggonfabrik zum Glanzstoffwerk

Die industrielle Geschichte des Geländes begann 1899 mit dem Bau einer Waggonfabrik. Bereits wenige Jahre später änderte sich die Nutzung grundlegend. Im Jahr 1904 übernahmen die Vereinigten Kunstseide-Fabriken das Areal und errichteten in Kelsterbach einen Produktionsstandort für Viskosegarne.

Die Fabrik veränderte nicht nur das Gelände westlich der Stadt. Sie trug erheblich dazu bei, dass sich das zuvor landwirtschaftlich geprägte Kelsterbach zu einem bedeutenden Industriestandort im Rhein-Main-Gebiet entwickelte.

Quelle: KulturRegion FrankfurtRheinMain – Glanzstoff-Gelände Kelsterbach

Kunstseide aus Kelsterbach

Im Werk wurde aus Zellulose sogenanntes Viskosefilamentgarn hergestellt. Das künstlich erzeugte Garn war auch als Kunstseide bekannt und wurde unter anderem für Futterstoffe, Kleider und andere Textilien verwendet.

Die Herstellung war technisch aufwendig. Große Produktionshallen, Spinnereien, chemische Anlagen, Werkstätten, Lager und eigene Versorgungseinrichtungen bildeten eine weitgehend abgeschlossene industrielle Welt.

Über Jahrzehnte prägten die Schornsteine, Hallen und Backsteingebäude das Stadtbild von Kelsterbach. Im Alltag sprachen viele Einwohner nicht von Enka, sondern weiterhin von der Glanzstoff.

Mehr als 2.000 Arbeitsplätze

Seine Blütezeit erlebte das Werk in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg. Zeitweise arbeiteten hier mehr als 2.000 Menschen. Damit war die Fabrik der größte Arbeitgeber in Kelsterbach und für viele Familien eng mit dem täglichen Leben verbunden.

Das Unternehmen bot neben den Arbeitsplätzen zahlreiche soziale Leistungen. Dazu gehörten Werkswohnungen entlang der Rüsselsheimer Straße und ein großes Schwimmbad für die Beschäftigten und ihre Familien.

Die Verbindung zwischen Werk und Stadt ging dadurch weit über die reine Produktion hinaus. Generationen von Einwohnern arbeiteten in der Fabrik oder wuchsen in unmittelbarer Nähe der Anlagen auf.

Quelle: KulturRegion FrankfurtRheinMain – Beschäftigte und soziale Einrichtungen

Aus Glanzstoff wird Enka

Im Laufe der Jahrzehnte wechselten Eigentümer, Unternehmensstrukturen und Namen. Aus dem Glanzstoffwerk wurde schließlich das Enka-Werk Kelsterbach. Der Standort gehörte zeitweise zum niederländischen Chemiekonzern Akzo, dem späteren AkzoNobel.

Trotz der Veränderungen blieb die Produktion von Viskosegarnen das bestimmende Geschäft. Der Name Enka steht deshalb bis heute stellvertretend für die letzte Phase der Kelsterbacher Kunstseideindustrie.

Das Ende der Produktion im Jahr 2000

Seit Mitte der 1970er-Jahre wurde erheblich in neue Produktionsanlagen und den Umweltschutz investiert. Dennoch geriet der Standort zunehmend unter wirtschaftlichen Druck.

Sinkende Absätze und die wachsende Konkurrenz aus Asien machten die Produktion in Kelsterbach immer weniger rentabel. Im Januar 2000 wurde das Werk schließlich geschlossen. Damit endete nach fast einem Jahrhundert die industrielle Nutzung des Geländes.

Quellen: KulturRegion FrankfurtRheinMain – Schließung des Glanzstoffwerks | Frankfurter Neue Presse – Geschichte des Enka-Werks

Industriebrache und Abriss

Nach der Stilllegung standen große Teile des Werks leer. Produktionsanlagen wurden entfernt und zahlreiche Hallen abgebrochen. Das einst dicht bebaute Gelände verwandelte sich schrittweise in eine ausgedehnte Industriebrache.

Bis 2012 war der überwiegende Teil der Fabrikanlagen verschwunden. Wo früher Produktionshallen und technische Einrichtungen standen, erstreckten sich nun große geräumte Flächen. Nur wenige historische Gebäude blieben als Erinnerung an das frühere Werk erhalten.

Die ehemaligen Mitarbeiter Alfred Wiegand und Walter Keber dokumentierten über Jahre die Geschichte, den Niedergang und den Abriss des Werks. Ihre Arbeit erschien 2015 unter dem Titel „Glanzstoff glänzt nicht mehr“.

Quelle: Frankfurter Neue Presse – Dokumentation der Enka-Geschichte

Drei Gebäude bleiben erhalten

Drei historische Bauwerke wurden nicht abgerissen: die ehemalige Hauptverwaltung, das Sozialgebäude und das frühere Kantinengebäude. Sie stehen unter Denkmalschutz und bilden heute das historische Zentrum des neu entstandenen Enka-Quartiers.

Auf dem übrigen Gelände entwickelten die Stadt und private Investoren ein gemischtes Quartier mit Wohnungen, Geschäften und weiteren gewerblichen Nutzungen. Teile der erhaltenen Industriearchitektur wurden saniert und unter anderem für Wohnungen, Gastronomie, eine Kindertagesstätte und flexible Gewerberäume umgebaut.

Dadurch ist die frühere Fabrik nicht vollständig aus dem Stadtbild verschwunden. Die erhaltenen Backsteinfassaden erinnern weiterhin an die industrielle Vergangenheit Kelsterbachs.

Quellen: ProjektStadt – Entwicklung des Enka-Quartiers | 1100 Architect – Umnutzung historischer Enka-Gebäude

Mein Besuch 2010

Ich fotografierte die Enka-Werke in Kelsterbach im Jahr 2010. Zu diesem Zeitpunkt war ein großer Teil des Areals bereits geräumt. Zwischen den weiten Brachflächen standen nur noch einzelne Werkshallen und Backsteingebäude.

In den verbliebenen Gebäuden erinnerten kleine Details an den früheren Arbeitsalltag. Beschriftungen, Metallhaken, leere Räume und alte technische Einbauten waren die letzten Spuren einer Fabrik, in der einst mehr als 2.000 Menschen gearbeitet hatten.

Besonders eindrucksvoll war der Gegensatz zwischen den fast vollständig verschwundenen Produktionsanlagen und den erhaltenen historischen Gebäuden. Meine Fotografien zeigen einen kurzen Übergangsmoment zwischen Industriebrache, Abriss und der Entstehung des heutigen Stadtquartiers.

Atmosphere / Atmosphäre
37%
Risk / Gefahr
0%
Vandalism / Vandalismus
10%
Decay / Verfall
35%

Germany, visited in 2010

Falls Ihnen ein Foto ganz besonders gut gefällt und Sie einen Kunstdruck dessen erwerben möchten, können Sie dies im Lost Places Shop tun. Falls Sie Interesse an Fotografien für eine Dokumentation oder sonstige mediale Verwendung haben, schreiben Sie mir direkt eine E-Mail an info@lost-places.com.

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