Manche verlassenen Wohnhäuser erzählen ihre Geschichte durch Möbel, Fotografien und persönliche Briefe. Im Puppenhaus in Hessen waren es dagegen unzählige Puppen, die den Räumen ihren unverwechselbaren Charakter verliehen.
Sie lagen in Körben, saßen auf Möbeln oder standen zwischen den zurückgelassenen Gegenständen des früheren Bewohners. Einige waren sorgfältig angezogen, andere vom Staub und Verfall deutlich gezeichnet. Das gesamte Haus wirkte dadurch wie eine verlassene Sammlung, die über Jahre hinweg unberührt geblieben war.
Auf dem Grundstück und in den unterschiedlichen Räumen entdeckte ich insgesamt mehr als 100 Puppen. Darunter befanden sich Babypuppen, Stoffpuppen und zahlreiche Figuren in selbst gestrickter oder gehäkelter Kleidung.
Viele Puppen lagen dicht nebeneinander in Körben, Schränken und alten Holzkisten. Andere waren einzeln im Haus verteilt. Verschmutzte Gesichter, verfilzte Haare und verblasste Kleidung ließen erkennen, wie lange die Sammlung bereits dem Verfall ausgesetzt gewesen war.
Neben den Puppen waren zahlreiche weitere Gegenstände erhalten geblieben. Alte Möbel, Bücher, Schallplatten, technische Geräte und Dekorationen füllten die Räume. Das Haus vermittelte nicht den Eindruck einer geordneten Auflösung. Vielmehr schien ein großer Teil des früheren Lebens einfach zurückgelassen worden zu sein.
Zwischen den Hinterlassenschaften fand ich außerdem zahlreiche Foto- und Autogrammalben. Sie deuteten darauf hin, dass der frühere Bewohner ein großer Bewunderer des Schauspielers Wolfgang Stumph gewesen sein könnte. Diese persönlichen Erinnerungsstücke gaben dem Ort eine weitere, sehr individuelle Ebene.
Das Puppenhaus wirkte nicht wie ein klassisches Museum oder ein bewusst eingerichtetes Kuriositätenkabinett. Die Sammlung war Teil eines privaten Wohnumfeldes. Gerade diese Verbindung aus alltäglichen Räumen und ungewöhnlich vielen Puppen machte den Ort so eindrucksvoll.
Einige Figuren wirkten beinahe unbeschädigt, während andere bereits deutliche Spuren von Feuchtigkeit, Schmutz und Alterung trugen. Der zunehmende Verfall veränderte nicht nur das Gebäude, sondern auch die Gesichter und Kleidung der zurückgelassenen Puppen.
Der Zustand des Hauses blieb nicht dauerhaft bestehen. Im Jahr 2018 wurde das Gebäude renoviert. Damit endete seine Zeit als verlassener Ort. Die Fotografien dokumentieren das Puppenhaus daher in einem Zustand, der heute nicht mehr existiert.
Was mit den Puppen und den übrigen persönlichen Gegenständen geschah, ist mir nicht bekannt. Erhalten geblieben ist jedoch meine fotografische Dokumentation dieses außergewöhnlichen Fundes.
Ich besuchte das Puppenhaus im Jahr 2016. Schon beim Betreten fiel mir auf, dass Puppen nicht nur in einzelnen Zimmern standen. Sie waren über das gesamte Haus und das Grundstück verteilt. Hinter fast jeder Tür und zwischen zahlreichen Gegenständen entdeckte ich weitere Figuren.
Besonders eindrücklich waren die Puppen, die scheinbar bewusst auf Möbeln, Fensterbänken oder in kleinen Gruppen angeordnet worden waren. Andere lagen ungeordnet zwischen Büchern, Textilien und alten Haushaltsgegenständen. Mit jedem Raum wurde deutlicher, welchen Umfang diese private Sammlung einmal besessen haben musste.
Für mich entstand die besondere Wirkung nicht allein durch die Menge der Puppen. Es war die Verbindung aus persönlichen Erinnerungen, verlassenen Räumen und den starren Blicken der Figuren. Das Puppenhaus gehörte deshalb zu den ungewöhnlichsten verlassenen Wohnhäusern, die ich bis dahin dokumentiert hatte.
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