Zwischen dem Leineabstiegskanal und dem Stichkanal in Hannover-Limmer befand sich über ein Jahrhundert lang ein bedeutender Standort der deutschen Gummiindustrie. Das weitläufige Werk prägte den Stadtteil, beschäftigte zeitweise mehrere tausend Menschen und entwickelte sich von einer Gummikammfabrik zu einem wichtigen Continental-Produktionsstandort.
Meine Aufnahmen entstanden im Jahr 2007, acht Jahre nach dem Ende der Produktion. Zu diesem Zeitpunkt standen noch zahlreiche Gebäude und Werksteile des ehemaligen Continental-Werks. Die Galerie dokumentiert damit eine Zwischenphase zwischen der Stilllegung des Standorts und dem späteren, schrittweisen Rückbau.
Quellen: HAZ: Geschichte des Continental-Standorts | Wasserstadt Limmer
Die Geschichte des Geländes begann nicht mit Continental. Bereits 1857 stellte Johann Louis Martiny in Hannover Kämme aus Hartgummi her. 1862 gründete er die Hannoversche Gummikammfabrik. Neben Kämmen entstanden dort später Pfeifenmundstücke, chirurgische Bedarfsartikel, Spielzeug und Isoliermaterial.
1871 gründete Moritz Magnus gemeinsam mit Martiny die Continental-Caoutchouc- und Gutta-Percha-Compagnie. Als die Produktionsflächen in Hannover-Mitte zu klein wurden, erwarb die Gummi-Kamm 1899 ein rund 60.000 Quadratmeter großes Grundstück an der Wunstorfer Straße in Limmer. Dort entstanden die Hannoverschen Gummiwerke Excelsior.
1928 wurde Continental Mehrheitsbesitzer des Unternehmens. Damit begann die Entwicklung des Limmeraner Werks zu einem wichtigen Bestandteil des Continental-Konzerns.
Quellen: HAZ: Alles begann mit einem Kamm | Continental: Meilensteine der Unternehmensgeschichte
In Limmer wurden zunächst Kämme, Pfeifenmundstücke und verschiedene technische Gummiwaren hergestellt. Bereits 1890 begann die Produktion von Reifen. Später kamen medizinische Produkte, Spielzeug, Isoliermaterialien und zahlreiche weitere Gummierzeugnisse hinzu.
Das Werksgelände wuchs im Laufe der Jahrzehnte erheblich. Nachdem Continental 1934 auch die Landspitze zwischen den beiden Kanälen erworben hatte, umfasste das Areal rund 180.000 Quadratmeter. In den letzten Friedensjahren arbeiteten dort etwa 4.100 Menschen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk weiter ausgebaut. Auf dem Gelände entstanden unter anderem eine Schweißerei, eine Schmiede, eine Gießerei, eine Metallstanzerei und eine Presserei. 1958 wurde in Gebäude 2 ein großer Speisesaal eingerichtet. Dort fanden nicht nur Betriebsfeiern, sondern auch Kammermusikabende, Lesungen und Veranstaltungen mit bekannten Künstlern statt.
1984 arbeiteten noch rund 2.250 Menschen in Limmer. Continental investierte in diesem Jahr etwa 39 Millionen D-Mark in den Standort. Trotzdem wurde die Zukunft des Werks zunehmend unsicher.
Quelle: HAZ: Die Entwicklung des Werks in Limmer
Die Geschichte des Continental-Werks ist untrennbar mit der deutschen Kriegswirtschaft und der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus verbunden. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Produktion in Limmer auf kriegswichtige Erzeugnisse umgestellt. Rund 6.000 Kriegsgefangene und zivile Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten mussten in Limmer arbeiten.
Von Ende Juni 1944 bis Anfang April 1945 befand sich zwischen dem Continental-Werk und dem Alten Dorf Limmer ein Frauen-KZ. Das Lager gehörte zunächst zum Konzentrationslager Ravensbrück und wurde ab September 1944 dem KZ Neuengamme unterstellt.
Am 24. Juni 1944 trafen 266 Frauen aus Ravensbrück in Limmer ein. Im Dezember kamen weitere 250 Gefangene hinzu. Anfang Januar 1945 wurden zusätzlich fast 500 überwiegend polnische Frauen nach Hannover verschleppt. Das Lager war nun mit mehr als 1.000 Frauen überfüllt.
Die Gefangenen mussten im Zwei-Schicht-System jeweils zwölf Stunden arbeiten. Viele von ihnen wurden in der Produktion von Gasmasken eingesetzt. Die Arbeitsbedingungen waren von körperlicher Gewalt, Hunger, Krankheiten, giftigen Dämpfen und völliger Entrechtung geprägt.
Am 6. April 1945 wurde das Lager geräumt. Rund 930 Frauen wurden auf einen Todesmarsch in Richtung Norden gezwungen. Fast 80 kranke Frauen blieben in Limmer zurück und wurden am 10. April von amerikanischen Soldaten befreit. Von 26 verstorbenen Frauen sind die Namen bekannt. Neben dem KZ-Außenlager befand sich außerdem ein Lager für mindestens 1.220 ausländische Zwangsarbeiter.
Die Geschichte des Continental-Werks ist deshalb nicht nur eine Geschichte von Industrie, Produktion und wirtschaftlichem Wandel. Sie ist auch die Geschichte von Ausbeutung, Zwangsarbeit und nationalsozialistischen Verbrechen.
Quellen: Arbeitskreis KZ Conti-Limmer: Geschichte des Frauen-KZ | HAZ: Limmer als KZ-Außenlager | Gedenkort KZ-Außenlager Conti-Limmer
Das Werk überstand den Krieg ohne größere Schäden. Bereits kurz nach Kriegsende wurde die Produktion wieder aufgenommen. 1945 verlegte Continental außerdem die Hauptverwaltung nach Limmer. Ein schwerer Rückschlag folgte im Februar 1946, als das Hochwasser auf dem Fabrikgelände mehr als einen Meter hoch stand und Maschinen sowie Vorräte beschädigte.
In den folgenden Jahrzehnten veränderte sich die Produktion zunehmend. 1988 wurde der Bereich Profile nach Vahrenwald verlegt. Gleichzeitig verlagerte Continental immer mehr Produktionsschritte ins Ausland. 1995 wurde den knapp 1.500 Beschäftigten mitgeteilt, dass das Werk geschlossen werden sollte.
1999 endete die Produktion in Limmer endgültig. Rund 1.200 Beschäftigte fanden im Continental-Werk in Hannover-Stöcken eine neue Arbeitsstelle. Die Schuhbedarfsabteilung wurde dagegen in die Slowakei verlagert. Damit endete die mehr als hundertjährige industrielle Nutzung des Standorts.
Quellen: HAZ: Das Ende des Continental-Werks | Continental: Unternehmensgeschichte
Als ich das Gelände 2007 fotografierte, war die industrielle Nutzung bereits seit mehreren Jahren beendet. Die Gebäude standen jedoch noch in großer Zahl und vermittelten weiterhin den Eindruck eines gewachsenen Fabrikkomplexes.
Die Aufnahmen zeigen den Zustand des ehemaligen Continental-Werks in einer Zeit, in der sich die Natur und der Verfall zunehmend ihren Raum zurückholten. Gleichzeitig waren die Dimensionen des früheren Produktionsstandorts noch deutlich erkennbar.
Heute sind diese Bilder historische Dokumente. Sie zeigen Werksteile, die später abgerissen wurden oder im Zuge der Stadtentwicklung vollständig verändert werden.
Nach dem Produktionsende blieb das Gelände zunächst weitgehend erhalten. Der spätere Rückbau erfolgte nicht an einem einzigen Termin, sondern in mehreren Etappen. Im Mai 2002 wurde das Areal von der Wasserstadt Limmer GmbH übernommen. In den folgenden Jahren verschwanden nach und nach verschiedene Gebäude und Produktionsbereiche.
Bereits bei späteren Dokumentationen waren große Teile des früheren Werks nicht mehr vorhanden. Einige markante Altgebäude am Stichkanal blieben jedoch erhalten und wurden zu einem wichtigen Streitpunkt der Stadtentwicklung. Besonders die denkmalgeschützten Gebäude 44 und 51 standen jahrelang im Mittelpunkt der Diskussion um Erhalt, Schadstoffbelastung und Nachnutzung.
Nach Angaben aus Hannover waren die verbliebenen Altgebäude mit dem krebserregenden Stoff Nitrosamin belastet. Für September 2026 wurde deshalb der Rückbau der ehemaligen Produktionsgebäude entlang des Stichkanals angekündigt. Die Arbeiten sollten bis März 2027 abgeschlossen werden.
Auf dem früheren Continental-Gelände entsteht inzwischen die Wasserstadt Limmer. Geplant sind Wohnungen, Gewerbeflächen, Kulturangebote und Grünanlagen. Der historische Conti-Turm soll als Wahrzeichen erhalten bleiben. Auch die neue Architektur greift Elemente der früheren Industrieanlage auf, unter anderem durch Klinkerfassaden, die Gestaltung der Baukörper und die Einbindung einer denkmalgeschützten Brücke.
Die Galerie hält damit einen Zustand fest, der heute größtenteils verschwunden ist. Sie zeigt das Continental-Werk nicht als fertiges Baudenkmal, sondern als verlassenen Industriekomplex kurz vor seinem endgültigen Wandel.
Quellen: Vagabundler: Historischer Lost Place in Limmer | Punkt-Linden: Rückbau der Conti-Altgebäude | GP: Wettbewerb für die Wasserstadt Limmer | Wasserstadt Limmer
Ich habe das Continental-Werk 2007 fotografisch dokumentiert, als die Produktion bereits eingestellt war, die Gebäude aber noch deutlich als zusammenhängendes Industrieareal erkennbar waren. Besonders eindrucksvoll war die Mischung aus gewachsener Fabrikarchitektur, verlassenen Arbeitsbereichen und den sichtbaren Spuren der jahrzehntelangen Nutzung.
Heute besitzen die Aufnahmen einen zusätzlichen historischen Wert. Viele der damals fotografierten Werksteile sind inzwischen verschwunden. Die Galerie bewahrt deshalb nicht nur Eindrücke eines Lost Places, sondern auch ein Stück hannoverscher Industriegeschichte.
Falls Ihnen ein Foto ganz besonders gut gefällt und Sie einen Kunstdruck dessen erwerben möchten, können Sie dies im Lost Places Shop tun. Falls Sie Interesse an Fotografien für eine Dokumentation oder sonstige mediale Verwendung haben, schreiben Sie mir direkt eine E-Mail an info@lost-places.com.