Die Arbeitersiedlung der Anderlfabrik liegt bei Kleedorf nahe der niederösterreichischen Stadt Schrems. Die Wohnhäuser gehörten zu einer Textilfabrik, die über Generationen zu den bedeutenden Arbeitgebern des Waldviertels zählte. Auf dem Gelände wurde jedoch nicht nur gearbeitet. Zahlreiche Beschäftigte lebten mit ihren Familien unmittelbar neben der Fabrik.
Nach der Schließung der Anderlfabrik im Jahr 2004 verloren auch die ehemaligen Arbeiterhäuser ihre Funktion. Viele Räume blieben sich selbst überlassen. Feuchtigkeit drang durch beschädigte Dächer ein, Möbel zerfielen und Vandalismus hinterließ deutliche Spuren. Dadurch wurde die frühere Kolonie zu einem Zeugnis der untergegangenen Waldviertler Textilindustrie.
Quellen: Österreichische Mediathek: Kleedorf, ein Fabriksdorf der Waldviertler Textilindustrie | Der Standard: Wie das Waldviertel den Faden verlor
Der Ursprung der späteren Anderlfabrik lag in der sogenannten Kleemühle am Braunaubach. Die Mühle wurde bereits 1595 urkundlich erwähnt. Ab 1821 nutzte man den Standort für die Handweberei.
Im Jahr 1851 kaufte der Unternehmer Wilhelm Altmann die Kleemühle. Anschließend ließ er sie zu einer mechanischen Weberei umbauen, deren Maschinen zunächst mit Wasserkraft betrieben wurden. Damit begann die industrielle Entwicklung des Standortes.
Die Heimarbeit blieb anfangs ein wichtiger Bestandteil der Produktion. Arbeiter in den umliegenden Orten erhielten Garne und andere Materialien, die sie zu Hause verarbeiteten. Mit der zunehmenden Mechanisierung verlagerte sich die Arbeit jedoch immer stärker in die Fabrik.
Quelle: Österreichische Mediathek: Die Entwicklung der Fabrikssiedlung Kleedorf
Im Jahr 1879 übernahm der Wiener Webwarenfabrikant Johann Anderl den Betrieb. Er verlagerte seine Produktion aus der Wiener Webgasse in das Waldviertel und erweiterte die Fabrikanlage. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts stellte das Unternehmen von Wasserenergie auf Dampfkraft um. Außerdem entstanden eine eigene Färberei und eine Bleicherei.
Die meisten Fabrikgebäude und Arbeiterhäuser wurden im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert errichtet. Anderls Söhne Conrad und Adolf übernahmen später den Betrieb. Die Direktoren lebten in einem Beamtenwohnhaus auf dem Fabrikgelände. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter entstanden dagegen einfachere Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe.
Auf diese Weise entwickelte sich rund um die Produktionsstätte eine eigene Fabrikssiedlung. Die Menschen teilten nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch ihr alltägliches Leben. Die Fabrik beeinflusste dadurch über Jahrzehnte die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der umliegenden Orte.
Quellen: Österreichische Mediathek: Kleedorf und die Anderlfabrik | Der Standard: Geschichte der Waldviertler Textilindustrie
In ihrer erfolgreichsten Zeit beschäftigte die Anderlfabrik rund 275 Menschen. Viele von ihnen wohnten gemeinsam mit ihren Familien in der benachbarten Arbeitersiedlung, die vor Ort auch als Kolonie bezeichnet wurde.
Das Leben war eng mit dem Rhythmus der Fabrik verbunden. In Kleedorf siedelten sich außerdem eine Bäckerei, eine Mühle, ein Gasthaus und ein Lebensmittelgeschäft an. Einige Beschäftigte betrieben neben ihrer Arbeit kleine Landwirtschaften und versorgten damit auch die örtliche Bevölkerung.
Die Nähe zwischen Wohnen und Arbeiten brachte allerdings nicht nur Vorteile. Historische Zeitungsberichte erzählen von niedrigen Löhnen und Arbeitskämpfen. Im Jahr 1906 dauerte ein Streik elf Wochen. Erst die Zusage einer Lohnerhöhung von zehn Prozent brachte die Beschäftigten zurück an die Maschinen.
Quellen: Der Standard: Arbeitsleben und Streik in der Anderlfabrik | MeinBezirk: Erinnerungen an die Anderlfabrik und ihre Umgebung
Finanzielle Schwierigkeiten führten 1938 zur Zwangsverwaltung des Unternehmens. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Textilproduktion eingestellt. Stattdessen nutzte der kriegswichtige Metall- und Elektrowarenkonzern Felten & Guilleaume Teile der Fabrik und der Wohngebäude.
Nach dem Krieg bemühte sich Hans Anderl um den Wiederaufbau der Weberei. Im Jahr 1948 verließ Felten & Guilleaume die Anlage. Zwei Jahre später wurde zusätzlich eine Vigognespinnerei eingerichtet. Zu dieser Zeit beschäftigte die Anderlfabrik wieder ungefähr 220 Menschen.
Das Unternehmen produzierte unter anderem Bettwäsche für Wiener Krankenhäuser, Babywindeln, Verbandmull und technische Gewebe. Weitere Stoffe waren für die Reifenproduktion bestimmt. Für den Export in den Orient entstanden außerdem Textilien mit eingearbeiteten Silberfäden.
Quellen: Der Standard: Produktion und Nachkriegszeit der Anderlfabrik | Österreichische Mediathek: Fabrikbetrieb in Kleedorf
Seit den 1960er-Jahren geriet die europäische Textilindustrie zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Als Richard Hein den Betrieb 1967 übernahm, galten sowohl die Gebäude als auch die Maschinen der Anderlfabrik als veraltet. Die Zahl der Beschäftigten wurde schließlich auf ungefähr 20 Personen reduziert.
Automatisierung, internationale Konkurrenz und die Verlagerung der Produktion in Länder mit niedrigeren Löhnen beschleunigten den Niedergang. Besonders nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verloren zahlreiche Beschäftigte der Waldviertler Textilbranche ihre Arbeitsplätze.
Die Anderlfabrik hielt länger durch als viele andere Betriebe der Region. Im Jahr 2004 endete jedoch auch hier die Produktion. Die letzten Mitarbeiter mussten das Unternehmen verlassen. Ein anschließendes Konkursverfahren wurde 2005 wegen fehlender finanzieller Mittel aufgehoben.
Quellen: Der Standard: Niedergang der Waldviertler Textilindustrie | Österreichische Mediathek: Schließung der Anderlfabrik
Nach der Schließung standen die Fabrikgebäude und Teile der Arbeitersiedlung leer. Partys, Vandalismus, Feuchtigkeit und wiederkehrende Hochwasser beschleunigten den Verfall. Besonders die unbewohnten Arbeiterhäuser wurden stark beschädigt.
Im Jahr 2016 kaufte der Wiener Verein Pro Cultura das Gelände. Später entstanden Ideen für eine Nutzung der Fabrikhallen als Veranstaltungsort. Eine erfolgreiche Umsetzung dieser Pläne ist jedoch nicht belegt. Noch im Jahr 2024 berichteten regionale Medien über den anhaltenden Verfall und offene Fragen zur Zukunft des Areals.
Die frühere Aussage, die Anderlfabrik sei bereits zu einer Begegnungsstätte umgebaut und damit gerettet worden, ist deshalb nicht mehr zutreffend. Der Zustand der Gebäude bleibt unsicher.
Quellen: Der Standard: Zustand und Zukunft der Anderlfabrik | MeinBezirk: Stummes Zeugnis der Textil-Vergangenheit
Der aus Niederschrems stammende Franz Schanza wuchs in der Nähe der Weberei auf. In zwei Büchern hielt er persönliche Erinnerungen sowie die Geschichte der Fabrik, ihrer Gründerfamilien und der umliegenden Siedlungen fest.
Auch der Dokumentarfilm „Über die Jahre“ von Nikolaus Geyrhalter beschäftigt sich mit der Anderlfabrik. Der Film begleitet ehemalige Beschäftigte über einen langen Zeitraum und zeigt, wie der Verlust des Arbeitsplatzes ihr Leben veränderte.
Damit besteht die Geschichte der Anderlfabrik nicht nur aus Maschinen, Produktionszahlen und verfallenen Gebäuden. Im Mittelpunkt stehen ebenso die Menschen, deren Alltag über Generationen mit diesem Ort verbunden war.
Quellen: MeinBezirk: Die Bücher von Franz Schanza | Österreichische Mediathek: Wissenschaftliche Filmdokumentation aus Kleedorf
Ich besuchte die Arbeitersiedlung der Anderlfabrik im Jahr 2022. Die ehemaligen Wohnhäuser waren zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich vom Verfall gezeichnet. Zwischen den Gebäuden wucherten Büsche und junge Bäume. Abgeplatzter Putz legte das Mauerwerk frei, während beschädigte Fenster und Türen den Blick in die verlassenen Räume ermöglichten.
Im Inneren standen noch einzelne Möbel. In einem grün gestrichenen Zimmer zerfielen mehrere Polstersessel und ein Sofa. Das Füllmaterial hatte sich im gesamten Raum verteilt. An anderen Stellen lagen persönliche Gegenstände, Schränke und alte Stühle zwischen herabgefallenem Putz.
Besonders auffällig war ein blau gestrichener Raum. Blaue Möbel standen auf einer dicken Schicht aus sandähnlichem Material. Die ungewöhnliche Zusammenstellung wirkte wie eine nachträgliche Inszenierung. Wer diesen Raum gestaltet hatte und wann dies geschah, ließ sich jedoch nicht zuverlässig feststellen.
Unter dem Dach fand ich weitere zurückgelassene Stühle und einen kleinen Tisch. Durch Löcher in den Dachziegeln drang Licht in den dunklen Raum. Gleichzeitig zeigten morsche Balken, Feuchtigkeit und beschädigte Decken, wie weit der Verfall bereits fortgeschritten war.
Meine Bilder dokumentieren bewusst die Wohnhäuser und nicht nur die bekannte Textilfabrik. Sie zeigen den privaten Teil der Industriegeschichte. Hier lebten die Menschen, die über Jahrzehnte an den Webstühlen arbeiteten und deren Alltag untrennbar mit der Anderlfabrik verbunden war.
Da dieser Ort nicht offiziell zu besichtigen ist, darf ich keinen genauen Standort im Internet veröffentlichen. Ich bitte um Verständnis.
This place is not officially open for visitors, I am not allowed to publish the exact coordinates or give out any information. I ask for your understanding.
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